23.02.2012, 14:51 Uhr | dapd
Es ist mucksmäuschenstill in der U-Bahnlinie 2 in Richtung Ruhleben. Fahrgäste senken um 12.00 Uhr am Donnerstagmittag ihre Köpfe zum Boden und schweigen. Andere nutzen die Ruhe zum Lesen. Arbeitgeber und Gewerkschaften hatten die Berliner für diesen Tag zu einer Schweigeminute aufgerufen, um der Opfer rechtsextremistischer Gewalt zu gedenken. Die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) haben dazu ihre Busse, U- und Straßenbahnen gestoppt.
Bereits eine Minute vor 12.00 Uhr ist der Zug in den U-Bahnhof Alexanderplatz eingefahren. Normalerweise geht es nach kurzem Stopp zum Ein- und Aussteigen rasch weiter. Doch nun ertönt eine Ansage aus den Lautsprechern: "Die BVG beteiligt sich an der bundesweiten Schweigeminute." Nach Angaben des Unternehmens sollten die Fahrer der U-Bahnen deshalb nicht im Tunnel stehen bleiben. Stattdessen waren sie aber angewiesen, für das Gedenken den nächsten Bahnhof anzufahren.
Vesan steht wie angewurzelt am Bahnsteig. Der 40 Jahre alte Sicherheitsbeamte der BVG kommt aus dem Osten der Türkei und lebt seit 30 Jahren in Berlin. "Endlich wird eingestanden, dass Rechtsextreme für die Morde verantwortlich sind", betont der Kurde. Die Schweigeminute wertet er als "sehr starkes Zeichen". Damit hätten die deutschen Ermittlungsbehörden nach seiner Meinung deutlich gemacht, "dass sie Fehler gemacht haben".
Die Neonazi-Terrorgruppe "Nationalsozialistischer Untergrund" (NSU) steht im Verdacht, zwischen 2000 und 2007 neun Menschen ausländischer Herkunft und eine deutsche Polizistin ermordet zu haben. Zudem soll die Gruppe auch für die Sprengstoffanschläge vom 19. Januar 2001 und vom 9. Juni 2004 in Köln verantwortlich sein. Die Taten waren erst im vergangenen Jahr mit der Terrorgruppe in Verbindung gebracht worden.
"Es geht bei der Schweigeminute für mich um alle Opfer rechtsextremer Straftaten", hebt Verena hervor, die auf dem Bahngleis auf einen Zug in Richtung Pankow wartet. Die 24-jährige Schaufensterdekorateurin sieht in der Gedenkminute zugleich ein Zeichen, dass "rechte Gewalt in Deutschland nicht toleriert wird".
Nicht alle Fahrgäste, die am Donnerstagmittag auf die Bahnen warten, können dem stillen Gedenken etwas abgewinnen. "Mal sehen, wie ich Zeit habe", sagt ein älterer Mann mit Hut. Ein anderer erklärt im Vorbeihuschen: "Ich wusste gar nicht, dass es eine Schweigeminute gibt."
dapd
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