03.06.2011, 11:32 Uhr | dapd
Erfurt (dapd-lsc). Auf 8,2 Millionen Euro beziffert der Mitteldeutsche Rundfunk den Schaden. Jahrelang soll ein Herstellungsleiter des mit dem ZDF betriebenen Kinderkanals Ki.Ka Rechnungen zur Bezahlung angewiesen haben, ohne dass Gegenleistungen erbracht wurden. In einem Prüfbericht des MDR ist von einem ausgeklügelten, kriminellen System die Rede. Gegen den mutmaßlichen Strippenzieher, Herstellungsleiter Marco K., beginnt am Montag (6. Juni) vor dem Erfurter Landgericht der Prozess.
Es scheint der größte Betrugsfall bei den Öffentlich-Rechtlichen zu sein. Der Angeklagte zeichnete laut Staatsanwaltschaft 61 Scheinrechnungen ab. Ihm werden Bestechlichkeit und Untreue in 48 besonders schweren Fällen vorgeworfen. Von den dabei zwischen November 2005 und September 2010 geflossenen 4,6 Millionen Euro soll er mehr als die Hälfte für sich behalten haben.
Seit Dezember sitzt der Mann in Untersuchungshaft. Wegen Betrugs in 29 weiteren Fällen wurde ein zweiter Haftbefehl erlassen. Dabei geht es um Schmiergeldzahlungen und Sachleistungen in Höhe von knapp 200.000 Euro. Der Geschäftsführer einer inzwischen insolventen Berliner Produktionsfirma, die die Rechnungen ausgestellt hatte, hatte sich selbst angezeigt hatte. Dessen Verfahren wurde abgetrennt.
Staatsanwaltschaft spricht von "Ki.Ka-Komplex"
Für die Staatsanwaltschaft wuchs sich der Fall zum "Ki.Ka-Komplex" aus. Die Behörde durchsuchte Wohnungen und Firmen in drei Bundesländern. Zwischenzeitlich liefen Ermittlungen gegen sechs Geschäftsführer verschiedener Firmen und fünf Personen aus dem Bereich des Senders mit Sitz in Erfurt.
Ein rund 100 Seiten langer MDR-Revisionsbericht listet die Vorgänge auf. Für die "Tageszeitung", die den Bericht zwischenzeitlich online gestellt hatte, las er sich "spannend wie in Krimi". Der Herstellungsleiter sei in Erfurt Casino-Stammgast gewesen. Dort habe er dann schon mal 20.000 Euro pro Woche gelassen.
Der MDR sprach von Scheingeschäften ab 2002 mit insgesamt fünf Firmen - jede einzelne könne auf den früheren Ki.Ka-Herstellungsleiter zurückgeführt werden. "Die enorme kriminelle Energie des Beschuldigten hat letztlich dazu geführt, dass diese Allianz von Untreue und Betrug für Außenstehende ohne spezifische Fachkenntnisse offenbar kaum zu entlarven war und so Jahre lang unentdeckt blieb", hatte Intendant Udo Reiter gesagt.
In der Folge musste MDR-Verwaltungsdirektor Holger Tanhäuser seinen Posten räumen. Eigenes Verschulden aber wies er zurück. MDR-Fernsehdirektor Wolfgang Vietze wurde ermahnt und der zuständige Programmgeschäftsführer des Ki.Ka, Steffen Kottkamp, abgemahnt.
Ehemaliger LKA-Direktor prüft Kontrollmechnismen
Darüber hinaus prüfte der MDR eine Ausweitung bereits geltend gemachter Schadenersatzansprüche. Dabei gerieten der aktuelle NDR-Fernsehdirektor und frühere Ki.Ka-Programmgeschäftsführer Frank Beckmann sowie der frühere MDR-Fernsehdirektor Henning Röhl ins Visier. Beide wiesen die Vorwürfe zurück.
Inzwischen prüft ein Team um den langjährigen LKA-Direktor von Mecklenburg-Vorpommern Ingmar Weitemeier die Wirksamkeit der bestehenden MDR-Kontrollmechanismen. Zuletzt hatte Weitemeier die externe Untersuchungskommission zu Vorwürfen gegen die Polizei in Sachsen geleitet. Einen ersten Zwischenbericht hat Reiter für Mitte Juli angefordert.
Ki.Ka wird Folgen wohl noch länger spüren
Doch auch wenn Reiter die Affäre inzwischen als weitgehend geklärt sieht - Folgen hat sie noch an ganz anderer Stelle. So hat die Drei-Länder-Anstalt ihre für Sommer geplante Gala zum 20. Senderjubiläum gestrichen.
Und auch auf die anstehenden Finanzierungsrunden könnte der Ki.Ka-Skandal seine Schatten werfen. Natürlich habe die Finanzkommission zur Kenntnis genommen, "dass der Kinderkanal offensichtlich auch mit 800.000 Euro weniger im Jahr gutes Programm machen konnte", hatte Reiter bereits geunkt.
Vorsorglich warnte Thüringens Medienstaatssekretär Peter Zimmermann schon mal vor einer Einschränkung der Bewegungsfreiheit des Senders. Der Sender brauche sich trotz der Betrugsaffäre nicht zu verstecken.
dapd
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