12.11.2010, 16:33 Uhr | DAPD
Berlin (dapd-bln). An Schulen in Berliner Problemkiezen sind offenbar neben körperlicher Gewalt gegen Mitschüler und Lehrer auch Erpressung und Nötigung an der Tagesordnung. Laut einem Bericht eines Neuköllner Polizisten gibt es sogar Fälle von "Versklavung von Mitschülern". Die CDU wirft der rot-roten Koalition vor, die Probleme herunterzuspielen.
Die "Berliner Zeitung" berichtete über derartige Vorgänge unter Bezugnahme auf den Neuköllner Polizeihauptkommissars Christian Horn. Er habe auf dem Integrationsgipfel der Bundeskanzlerin vom 3. November über seine Erfahrungen in der Polizeidirektion 5 gesprochen, die für die Bezirke Friedrichshain-Kreuzberg und Neukölln zuständig ist. Bisher sind nach Angaben des Blattes vier derartige Fälle aus Neukölln bekannt geworden, doch die Dunkelziffer dürfte viel höher liegen.
"Die Opfer öffnen sich meist nicht gegenüber Dritten oder haben Angst vor weiteren Repressionen", sagte die Sprecherin der Senatsschulverwaltung, Beate Stoffers. Der stellvertretende Landeschef der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW), Norbert Gundacker, forderte die Schulleiter deshalb auf, jeden Gewaltvorfall an ihrer Schule zu melden, damit man gegensteuern könne.
Neuköllns Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky (SPD) bestätigte, dass es "ein mit Repressionsandrohung erzwungenes Dienerverhalten" an Neuköllner Schulen gebe. Mitschüler müssen laut Zeitung die Schultaschen ihrer Peiniger tragen, sie erledigen Botengänge, besorgen Zigaretten und Getränke oder machen die Hausaufgaben der Erpresser. Wenn denen die Erledigung der Aufgaben nicht gefalle, gebe es Prügel.
"Obwohl Gewalt an Berliner Schulen offenbar trauriger Alltag ist, hat der rot-rote Senat bisher kein Konzept, um dieses seit zehn Jahren wachsende Problem zu lösen", kritisierte CDU-Bildungsexperte Sascha Steuer. Er verwies darauf, dass in den vergangenen Monaten immer wieder über Beleidigungen und Drohungen von Mitschülern sowie sogenannte Deutschenfeindlichkeit diskutiert wurde. Die CDU fordere den Senat deshalb eindringlich auf, die Ängste der Betroffenen endlich ernst zu nehmen und die Fälle von Schüler-Mobbing zu erfassen.
Die "schlimmen Situationen", die Schüler immer wieder erleben müssten, dürften kein Tabuthema mehr sein, sagte Steuer. Denn jeder Schüler, egal welcher Herkunft, habe das Recht auf ein friedliches Lernklima. Es sei ist deshalb unsäglich, dass der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) Berichte über Deutschenfeindlichkeit als "überdramatisiert" abtue. Damit verdeutliche er, wie weit er von den Problemen entfernt sei. Die "Unkultur des Wegschauens" müsse ein Ende haben, verlangte Steuer.
Gilles Duhem, der jahrelang Quartiersmanager im Neuköllner Rollbergkiez war und heute dort mit dem Förderverein Gemeinschaftshaus Morus 14 Sozialarbeit leistet, setzt sich für eine stärkere Durchmischung der Schulklassen durch Austausch mit anderen Kiezen ein. "Es würde schon reichen, wenn die Schüler nur eine S-Bahnstation weiter in Richtung Treptower Park zur Schule gehen würden", sagte er.
Zudem müsse die Schule härter durchgreifen, forderte Duhem. Schon in der Grundschule dürfe kein Kind das Schulgebäude verlassen, ohne seine Hausaufgaben gemacht zu haben. Wenn Kinder drei Tage nicht zur Schule kämen, müsse der Schulleiter verpflichtet werden, sofort die Polizei zu rufen. Stattdessen schicke man den Eltern, die ohnehin kaum schreiben und lesen könnten, einen Brief.
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