20.04.2011, 18:42 Uhr | dapd
Sandstedt (dapd-nrd). Der Weserstrand der niedersächsischen Gemeinde Sandstedt zwischen Bremen und Bremerhaven ist Christian Langensteins Lieblingsplatz. Hier verbringt der passionierte Angler viele Stunden während er darauf wartet, dass die Aale beißen. Bei seinen jüngsten Ausflügen wurde seine Geduld, wenn auch nicht mit einem Fisch, so doch mit einem ganz besonderen Naturerlebnis belohnt. Langenstein beobachtete Schweinswale, die kaum 30 Meter vom Ufer entfernt seelenruhig in der Unterweser schwammen. "Beim ersten Mal waren es zwei Schweinswalmütter mit ihren Kälbern und dann ein paar Tage später noch einmal drei Schweinswale", berichtet der 47-Jährige.
Zuerst habe er seinen Augen kaum getraut. "Wale in der Weser?", fragte sich Langenstein erstaunt. Doch an der Finne, der dreieckigen Rückenflosse, habe er die Kleinen Tümmler eindeutig erkannt. "Wir beobachten seit einigen Jahren jedes Frühjahr, dass Schweinswale allein oder in kleinen Gruppen die Weser flussaufwärts, manchmal sogar die 65 Kilometer bis nach Bremen, schwimmen", bestätigt die Biologin Denise Wenger von der Gesellschaft zur Rettung der Delphine (GRD) in München. Seit 2007 seien 125 Tiere in der Weser gesichtet worden.
"Sie folgen vermutlich Fischschwärmen, die zum Ablaichen aus der Nordsee in den Fluss kommen", sagt Wenger. Fischarten wie Finte, Stint oder Hering seien attraktive Futterquellen für die bis zu 1,80 Meter großen, grauen Meeressäuger. Doch die genauen Gründe, warum die Schweinswale, nachdem sie viele Jahrzehnte von der Nordseeküste und aus den großen Flüssen verschwunden waren, nun wieder zurückkehren und zunehmend auch in der Ems, Jade und Elbe entdeckt würden, seien unklar. "Wir bitten deshalb Segler, Bootsfahrer, Fischer, Anwohner und Urlauber, die auf oder an der Weser unterwegs sind, nach den geschützten Kleinwalen Ausschau zu halten und uns ihre Beobachtungen mitzuteilen", sagt die 47-jährige Biologin.
Das hat Langenstein inzwischen getan, froh, dass sein Erlebnis nicht als Anglerlatein abgetan worden ist, wie er zugibt. Solche Befürchtungen hatte Skipper Holger Jureczko nicht. Bei einem Segeltörn beobachtete er Ende März etwa 15 Kilometer vor Bremerhaven in der Außenweser zwei Schweinswale bei der Jagd. "Das Wasser war spiegelglatt und die Sicht war gut, sodass ich ganz genau sehen konnte, wie die Tiere immer wieder an verschiedenen Stellen für zwei oder drei Minuten untertauchten, um dann für einen Atemzug wieder aufzutauchen", erzählt der 48-Jährige. Jureczko, der Mitglied in der GRD ist, findet die Meeressäuger faszinierend, "weil sie ausgesprochen intelligent sind und außerordentliche kommunikative Fähigkeiten haben", betont er.
Um mehr über die "Weser-Wale" zu erfahren, wurden 2010 erstmals zwei Unterwassermikrofone, sogenannte Klickdetektoren, in der Fahrrinne installiert. Sie zeichnen die Ultraschalllaute der bis zu 65 Kilogramm schweren Meeressäuger mit der stumpfen Schnauze auf. "Dabei haben wir im vergangenen Jahr 34 Lautfolgen für Futtersuche und 29 für Kommunikation gefunden", berichtet der für die Auswertung zuständige Schweinswalexperte Sven Koschinski. Die Daten belegen, dass sich die Tiere hauptsächlich zwischen Mitte März und Ende Mai in der Weser aufhalten. Danach kehren sie wieder in die Nordsee zurück.
"Wir wollen den kleinen Meeressäuger mit dem Projekt bekannter und beliebter machen, um ihn besser zu schützen. Schließlich ist er der einzige heimische Wal in deutschen Gewässern", sagt Wenger. "Erst wenn wir wissen, welche Bedeutung ein Gebiet hat, können wir Rücksicht nehmen, indem beispielsweise Sportbootfahrer zu bestimmten Zeiten die Geschwindigkeit drosseln oder Rammarbeiten etwa für Kaianlagen zeitlich verlegt werden", erläutert die Biologin.
dapd
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