08.01.2011, 15:40 Uhr | DAPD
Düsseldorf/Kiel (dapd-nrw). Der Skandal um dioxinverseuchtes Tierfutter nimmt immer größere Ausmaße an. Das nordrhein-westfälische Verbraucherschutzministerium ließ am Freitag weitere 28 Betriebe sperren, denen möglicherweise dioxinbelastetes Futter geliefert worden ist. Das teilte ein Sprecher des Ministeriums am Abend mit. Damit seien jetzt in NRW insgesamt 180 Betriebe und Höfe wegen möglicher Giftstoffe im Tierfutter gesperrt. Erstmals seien darunter nun auch jeweils ein Betrieb aus dem Hochsauerlandkreis, dem Kreis Herford, der Stadt Münster und dem Kreis Unna. Größtenteils handele es sich um Geflügel- und Schweinemastbetriebe.
Bei Tests waren zuvor erneut belastete Eier von einem Legehennenbetrieb aus Nordrhein-Westfalen entdeckt worden, die auch in den Handel gelangten. Das hatte das Verbraucherschutzministerium bereits am Freitagvormittag mitgeteilt. Außerdem wurde bekannt, dass belastete Futterfette bereits länger verarbeitet worden sind als bisher angenommen.
Bereits im März 2010 habe ein privates Institut erhöhte Dioxinwerte bei dem Futterfett-Hersteller Harles und Jentzsch aus Uetersen festgestellt, hieß es aus dem schleswig-holsteinischen Landwirtschaftsministeriums in Kiel. Auch danach habe es weitere Auffälligkeiten gegeben. "Jede für sich hätte gemeldet werden müssen", sagte ein Sprecher. Das sei jedoch nicht geschehen. Bei Harles und Jentzsch sichergestellte Rückstellproben sind Ministeriumsangaben zufolge bis zu 77 Mal so hoch belastet wie der zulässige Dioxin-Grenzwert. Im Zuge des Skandals ist bei der Staatsanwaltschaft Münster Strafanzeige wegen versuchten Mordes aus Habgier gegen das Unternehmen erstattet worden.
Im Visier der Staatsanwaltschaft ist neben der Uetersener Firma Harles und Jentzsch auch eine Spedition aus dem niedersächsischen Bösel, wo illegal Futterfett hergestellt worden sein soll. Es bestehe der Verdacht, dass Harles und Jentzsch die Spedition genutzt habe, um sich der Überwachung der Behörden zu entziehen, sagte Ministeriumssprecher Gert Hahne. Von Bösel aus war mit Dioxin belastetes Futterfett bundesweit an Futtermittelhersteller geliefert worden.
Das Bundesministerium geht bei der Fettpanscherei nicht mehr von einem Versehen oder einer Kontrolllücke aus. "Die Indizien sprechen hier im Moment eher für ein hohes Maß an krimineller Energie", sagte Ministeriumssprecher Holger Eichele.
Die vom Dioxin-Skandal betroffenen Bauern müssen jeweils mit einem finanziellen Schaden in fünfstelliger Höhe rechnen. Der Westfälisch-Lippische Landwirtschaftsverband geht davon aus, dass sogar die Existenz einzelner Betriebe auf dem Spiel steht. Es sei eher unwahrscheinlich, dass alle Geschädigten eine Kompensation erhielten, sagte ein Verbandssprecher und forderte die Einrichtung eines Entschädigungsfonds durch die Futtermittelindustrie.
Der jüngste Dioxinfund in Eiern in NRW betrifft einen Betrieb im Kreis Minden-Lübbecke, der wegen der erhöhten Werte bis auf Weiteres gesperrt bleibt. Nach Angaben des Verbraucherschutzministeriums wurde die betroffene Ware mit dem 28. Januar als Mindesthaltbarkeitsdatum bis zum 31. Dezember verkauft. Verbraucher können sie an den Stempelnummern 1-DE-0508762 und 2-DE-0508761 erkennen.
Die Sperrung eines Schweinemastbetriebs im Kreis Borken wurde hingegen wieder aufgehoben. Nachdem im Kreis Soest nach Bekanntwerden des Skandals 8.000 Hennen vorsorglich getötet worden waren, haben Tierschützer nun Strafanzeige gegen den zuständigen Kreisveterinärdirektor sowie Mitarbeiter der Kreisverwaltung und des Landwirtschaftsministeriums bei der Staatsanwaltschaft Arnsberg erstattet.
Laut Bundesverbraucherministerium sind wegen Dioxin-Verdachts von den zuständigen Landesbehörden bundesweit gegenwärtig 4.709 Betriebe geschlossen, darunter überwiegend Schweinemastbetriebe.
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