07.03.2011, 11:32 Uhr | dapd
Erfurt (dapd-lth). Es ist eine beeindruckende Narrenschar, die im Gefolge des Prinzenpaars aus Apfelstädt zum Erfurter Karnevalsumzug angetreten ist: Die Jecken aus der kleinen Gemeinde unweit der Landeshauptstadt sind als riesige wandelnde Strohhaufen verkleidet. Mit rund vier Meter Höhe reichen die Strohmänner fast hinauf bist zu den Oberleitungen der Straßenbahn, die die Innenstadt an normalen Tagen befährt. "Ist nicht so schwer, wie's aussieht", ruft einer der Strohmänner im Vorbeigehen, als er danach gefragt wird, wie viel Kilo er da mit sich herumschleppt. Doch die Last wiegt heute ohnehin nicht so schwer - wissen die Männer doch, dass ihre Kostüme zu den imposantesten des ganzen Zuges gehören.
Bei strahlendem Sonnenschein und Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt haben sich rund 80.000 Menschen entlang der Strecke versammelt, um die fünfte Jahreszeit gebührend zu feiern. Mit 57 Wagennummern, 76 Gruppen und 2.500 aktiven Teilnehmern gehört der Zug in Erfurt immer noch zu den größten im Osten der Republik. Die 100.000er-Marke der Vorjahre kann allerdings in diesem Jahr nicht erreicht werden.
Wirtschaftskrise und Hartz IV-Reform
Bereits eine Stunde vor Beginn ist der Domplatz voller Menschen und stetig wächst der Zulauf aus allen Himmelsrichtungen. Als der Zug losgeht, sind die Straßen in kürzester Zeit mit einer Schicht Konfetti und Süßigkeiten bedeckt. Großes Thema sind in diesem Jahr die Wirtschaftskrise und die Hartz-IV-Diskussion. Eigentlich sei die Krise gar nicht so wichtig, denn "Arbeiten lohnt sich eh nicht mehr", so kommentieren die Narren aus Stotternheim die aktuellen Entwicklungen.
Besonders deutlich werden die Jecken aus dem Stadtteil Marbach: Sie haben gleich eine Serie von drei Wagen mitgebracht, um ihre Sicht auf den Verlauf des derzeitigen Wirtschaftsaufschwungs klar zu machen: Während im ersten Wagen die Aufschwung-Rakete abhebt, wird auf dem zweiten Wagen das Geld wieder mit vollen Händen hinausgeworfen. Am Schluss kommt das böse Erwachen, wenn die Rakete auf dem letzten Wagen, von Bettlern umringt, wieder auf dem Domplatz einschlägt und die nächste Krise einläutet.
Weniger gesellschaftskritische Themen
Alles in allem fällt die Kritik an den Missständen in der Republik in Erfurt jedoch überraschend leise aus. Die Guttenberg-Debatte oder andere aktuelle Themen kommen nicht vor. Mehr Raum bleibt dagegen für die landestypischen Spezialitäten: Die "Freunde der Thüringer Bratwurst" haben etwa eine überdimensionale Wurst mitgebracht.
Die Kritikmüdigkeit der Erfurter im Vergleich zu früheren Jahren fällt auch vielen Zuschauern auf: "Sonst waren die Wagen immer viel politischer, die haben eigentlich immer ganz schön kräftig ausgeteilt", ist die einhellige Meinung einer kleinen Gruppe aus Sträflingen und in rosa Samt gekleideten "Cindy aus Marzahn"-Doubles.
Dass aber durchaus Hoffnung für die kritisch-humoristische Zukunft Erfurts besteht, beweist die Kritik der kleinsten Narren am thüringischen Bildungsminister: Die Kinder aus einer Kindertagesstätte in Elxleben haben sich als Blumen verkleidet. Sie laufen unter dem Motto "Trotz Matschie weiter wachsen".
dapd
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