18.03.2011, 13:20 Uhr | dapd
Grohnde (dapd-nrd). Vor 34 Jahren tobte die "Schlacht um Grohnde". Rund 20.000 Atomkraftgegner, viele von ihnen waren vermummt und trugen Helme, versuchten am 19. März 1977, das Gelände des in Bau befindlichen Atomkraftwerks an der Weser unweit von Hameln zu stürmen. Tausende Polizisten, darunter auch Hunde- und Reiterstaffeln wehrten die Demonstranten ab. Niedersachsens damaliger Innenminister Rötger Groß (FDP) beobachtete das Geschehen aus der Luft von einem Polizeihubschrauber aus.
"Die Polizei hatte in dem Dorf Kirchohsen einen Kilometer vom Bauplatz entfernt eine Sperre mit quergestellten Lastwagen errichtet", erinnert sich der Göttinger Peter Holtermann. "Über Lautsprecher wurden die Beamten dreimal aufgefordert, den Weg zum Bauplatz freizugeben. Als das nicht erfolgte, haben ausgerüstete Leute die Sperre auseinandergenommen und die Polizisten vertrieben."
Andreas Schormann, der damals in Bielefeld studierte und von dort aus nach Grohnde fuhr, hatte "eine Heidenangst", als berittene Polizisten auf die Demonstranten zustürmten. "Es war wie ein Bürgerkrieg. AKW-Gegner und Beamte haben mit Knüppeln aufeinander eingeschlagen, Wasserwerfer waren im Einsatz, die Luft war voller Tränengas."
Ein Polizist, der am 19. März in seiner Freizeit grade ein Fußballspiel in Göttingen besuchte, wurde aus dem Stadion weg nach Grohnde abkommandiert. Die Beamten hätten zwar vorher gewusst, dass es bei der Demonstration wohl Auseinandersetzungen geben würde, sagte der Polizist später. Als der Alarmruf kam, sei ihm klar geworden, dass es "richtig zur Sache" gehe.
Bei den heftigsten Auseinandersetzungen bundesweit in der Geschichte des Anti-Atom-Protestes wurden hunderte Menschen verletzt. Dutzende Demonstranten wurden festgenommen und später zu teilweise hohen Gefängnisstrafen verurteilt. Sie sollten auch für die Kosten des Polizeieinsatzes aufkommen - dies ließ sich allerdings nicht durchsetzen.
Grohnde blieb auch in den folgenden Monaten durch Protestaktionen im Gespräch. Im Frühsommer 1977 hielten Bürgerinitiativen fünf Wochen lang das vorgesehene Kühlturmgelände besetzt. Sie errichteten dort nach Wyhl in Baden-Württemberg das zweite Anti-Atom-Dorf in der Bundesrepublik. Rund 1.000 Polizisten waren schließlich zur Räumung aufgeboten.
Danach wurde es ruhiger, der Bau des mit einem 1.360 Megawatt leistenden Druckwasserreaktor ausgerüsteten Kraftwerks schritt voran. Ein letztes Hindernis für die Fertigstellung wurde 1982 aus dem Weg geräumt, als zwei Arzneimittelfirmen aus der Region, die durch den AKW-Betrieb Nachteile befürchteten, ihre Klagen zurückzogen. Im März 1983 besetzte der Göttinger Ethnologiestudent Claus Berlage einen vier Tage lang einen Strommast der 110-Kilovolt-Überlandleitung, die an dem fast fertigen Atomkraftwerk vorbeiführte.
Die erste atomare Kettenreaktion in Grohnde wurde am 2. September 1984 eingeleitet. Am Himmelfahrtstag 1985, eine Woche vor der offiziellen Einweihungsfeier, schmorte ein Kabel im Generator des Kraftwerks durch, der Reaktor musste abgeschaltet werden. In ersten Stellungnahmen ging der Betreiber von einer vierwöchigen Reparaturzeit aus.
Aber durfte es sein, dass Ministerpräsident Ernst Albrecht (CDU) bei der Einweihung vor einem stillgelegten Reaktor lächelte? Preußen Elektra beantragte und erhielt beim Gewerbeaufsichtsamt die Genehmigung für eine Rund-um-die-Uhr-Reparatur, alle erreichbaren Mitarbeiter wurden aus dem Kurzurlaub zurückgerufen - und sie schafften es: Nach drei Tagen lief der Generator wieder.
Obwohl Störfälle auch in der Folgezeit nicht ausblieben, gehört Grohnde doch zu den zuverlässigeren Meilern in Deutschland. Betreiber und Landesregierung sprachen mehrfach von einem Erfolgsmodell, der Reaktor habe zuverlässig Strom geliefert.
Im Januar dieses Jahres gab es erstmals wieder größere Proteste in Grohnde. Rund 1.000 Menschen demonstrierten gegen einen erwarteten Transport plutoniumhaltiger Brennelemente in das AKW. Am 25. April, zum Jahrestag des Reaktorunglücks von Tschernobyl, wollen tausende Umweltschützer das AKW an der Weser symbolisch umzingeln.
dapd
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