14.02.2012, 13:56 Uhr | dapd
Der Bundespräsident liegt matt in der Ecke, ein blaues Veilchen ziert sein Auge. Ganz klar: Christian Wulff ist angeschlagen. "Wenn er noch zurücktritt, ziehen wir einfach an den Beinen, dann liegt er flach", sagt Dieter Wenger, der Wagenbauer des Mainzer Carneval-Vereins (MCV). Seit exakt 50 Jahren baut der 72-Jährige die närrischen Wagen für den MCV, wie viele es in all den Jahren waren, weiß er selbst nicht mehr. Aber im 111. Rosenmontagszug rollen 50 Wagen, die unter Wengers Regie entstanden sind.
Highlights sind dabei die 14 närrischen Motivwagen, mit denen die Mainzer Narren die Politik aufs Korn nehmen. Eigentlich waren nur 13 der rollenden Karikaturen geplant, dann kam die Wulff-Affäre so richtig ins Rollen, und nun rollt das angeschlagene Staatsoberhaupt auch im Zug mit. Eine "Kaiserschnitt-Geburt" sei das gewesen, sagt Zugorganisator Kay-Uwe Schreiber. Weil die Narren Angst hatten, der Präsident werde bis Rosenmontag nicht durchhalten, hätten sie eine Email ans Bundespräsidialamt geschrieben: Rücktritt bitte nicht vor dem 22. Februar. "Hat gewirkt", sagt Schreiber und schmunzelt.
Respektlos nehmen die Mainzer Narren auch FDP, Verfassungsschutz und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) aufs Korn. Die Kanzlerin verteilt in "Angie's Schirmladen" Rettungsschirme an halb Europa, Griechen, Spanier und Portugiesen stehen dafür schon Schlange. Ein zweiter Wagen zeigt die CDU-Chefin im Kopfstand, der Grund: Ihre politischen Wendemanöver im vergangenen Jahr. FDP-Chef Philipp Rösler hängt derweil in einer "toten Hose" in gelb von der Wäscheleine, während die Schlapphüte des Verfassungsschutzes nach Äffchen-Manier nichts hören und nichts sehen .
Auch die Mainzer Lokalpolitik kommt bei den Motiven nicht zu kurz. Da wird ein geplantes Einkaufszentrum zum überdimensionierten Elefanten im Porzellanladen, und der gerade zurückgetretene Mainzer Oberbürgermeister Jens Beutel (SPD) torkelt nach drei Gläsern Wein zu viel aus dem Rathaus. Sein Stellvertreter, der grüne Finanzdezernent Günter Beck, angelt derweil angesichts der städtischen Finanznot selbst den Bettlern die Groschen aus dem Hut.
Großes Thema ist auch der Fluglärm rund um den Frankfurter Flughafen: Dem schlafenden Mainzer fliegen die Flugzeuge schon direkt um die Nase, da wird der Mainzer zur alten Kinderfigur des Friedrichs, dem Wüterich, und der neue Wutbürger schlägt Flugzeuge genauso k.o. wie Windräder und Stuttgart 21.
Nur einer schaut gar bedröppelt aus der Wäsche: Dem frisch wiedergewählten Ministerpräsidenten Kurt Beck (SPD) ist das Lachen vergangenen - im Stadion des Fußball-Erstligisten Mainz 05 wird "König Kurt" zur beleidigten Leberwurst. Der Ministerpräsident und Kaiserslautern-Fan war bei der Eröffnung des neuen Stadions von den Mainzer Fans glatt ausgepfiffen worden. Beck gab darauf seine Mainzer Dauerkarte zurück. Die Quittung der Narren: Die beleidigte "Lewwerworscht Kurt Beck". Ob dieser darüber lachen kann, zeigt sich am Montag: Der Ministerpräsident nimmt traditionell vor dem Mainzer Theater den Zug ab.
dapd
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