30.03.2011, 08:50 Uhr | dapd
Frankfurt/Main (dapd-hes). Er hat spirituelle Zeremonien von selbst ernannten Gurus hautnah miterlebt, sich bei Scientology auf die Behandlungscouch gelegt und an Großveranstaltungen der Zeugen Jehovas teilgenommen: Der Sektenbeauftragte des Bistums Limburg weiß, wovon er spricht. Doch nach 20 Jahren ist Schluss. Am 31. März geht Lutz Lemhöfer in den Ruhestand.
Sein Fazit: "Ich gehe mit dem Gefühl, in dieses etwas chaotische Feld ein wenig Struktur hineingebracht zu haben." Der 63-Jährige weist in seinem Frankfurter Büro auf Schränke voll mit Aktenordnern, jeden Zeitungsschnipsel, jedes Flugblatt hat Lemhöfer in seiner Amtszeit akribisch gesammelt.
Zu Beginn seiner Tätigkeit als Referent für Weltanschauungsfragen - so der offizielle Titel - waren Informationen über Sekten rar, Internet gab es noch nicht. Wenn der Theologe etwas über eine Gruppe erfahren wollte, durchforstete er Handbücher und Lexika - oder ging auf eine ihrer Veranstaltungen.
Schmunzelnd berichtet der Kirchenmann mit Brille und grauem Vollbart von seinem Besuch bei "Mutter Meera" in Balduinstein in der Nähe von Limburg. Er mischte sich unter die rund 200 Anhänger, rutschte auf Knien nach vorne zu ihrem Sessel, ließ sich von dem weiblichen Guru an der Schläfe berühren. "Sonst passierte eigentlich nichts", erzählt Lemhöfer.
Ein anderes Mal fuhr der Theologe in den tiefsten Taunus, lauschte der Predigt eines spirituellen Meisters aus Mauritius. Überall traf er Menschen, die auf der Suche sind - nach Erfüllung oder Heilung. "Auffallend ist das immense Wachstum auf dem esoterischen Markt", erzählt Lemhöfer. Gerne sei die Rede von Sinnsuche, doch der Begriff treffe nur begrenzt zu. Es gehe weniger um die Beziehung zu transzendentalen Mächten, als um die eigene Gesundheit und den eigenen Reichtum. Die Frage laute: "Wie werde ich glücklich, ganz glücklich?" Hier setzt ein breites Esoterikangebot an.
Was auf den ersten Blick oft wie eine harmlose Spinnerei wirkt, kann mitunter leicht gefährlich werden. "Die Problem ist: Wie geht jemand damit um", sagt der Sektenbeauftragte. Heikel werde es, wenn jemand seine Lebensentscheidungen von dem Hokuspokus abhängig mache oder in Vertrauen auf die Heilungskräfte eine medizinische Behandlung ablehne. Die Grenzen sind dabei fließend.
Insgesamt stellt Lemhöfer fest: "Die weltanschauliche Szene wird bunter und unübersichtlicher." Schätzungen zufolge gibt es im deutschen Sprachraum etwa 800 Gruppen. Die Palette reicht von spirituellen Wohngemeinschaften regionaler Gurus irgendwo in der Provinz bis hin zu Organisationen wie Scientology, die vom Verfassungsschutz beobachtet werden.
Bundesweit zählt Scientology laut Lemhöfer etwa 5.000 bis 6.000 Anhänger. "Die Zahl stagniert." Das sei auch ein Erfolg der Aufklärungsarbeit. Auf den Sektenbeauftragten dürften die Führungskader deshalb nicht besonders gut zu sprechen sein.
Trotzdem scheute Lemhöfer auch bei Scientology nicht vor direktem Kontakt zurück. Er testete sogar eine ihrer Heilbehandlungen. Eine laienhafte Massage durch die Kleidung hindurch, "vollkommen unnütz, aber mit gewaltigen Versprechen aufgeladen", lautet seine Bilanz. Ein anderes Mal brachte er für eine Aussteigerin Bücher zurück.
In der Regel sind es die Angehörigen, die mit dem Sektenbeauftragten Kontakt aufnehmen. Etwa 40 bis 50 Anfragen zählt er pro Monat. Lemhöfer sagt, er habe das nötige Ausmaß an Psychologie bei seiner Arbeit am Anfang unterschätzt.
Der Theologe hat Katholische Theologie, Soziologie und Politikwissenschaft in Trier, Tübingen und Frankfurt studiert. Er hätte gedacht, er würde als Referent für Weltanschauungsfragen mehr Vorträge halten, Analysen erarbeiten. Doch in erster Linie wurde er zum Ansprechpartner für die Betroffenen. "Ich hätte mir gewünscht, ich hätte eine psychologische Zusatzausbildung gehabt", bekennt Lemhöfer.
Seine Arbeit ging ihm mitunter sehr nah, verfolgte ihn bis in seine Träume. Einmal rief ihn am Beratungstelefon eine Frau an, deren Angehörige sich beim Gruppenselbstmord der Sonnentempler in der Schweiz das Leben genommen hatte. Lemhöfer konnte nur zuhören. "Das geht einem schon an die Nieren", sagt der Theologe.
In seinem Ruhestand will er daher erst einmal nichts mehr von Sekten wissen, sich der Zeitgeschichte und der Musik widmen. Der Mann im Cordjackett schließt die Augen, schüttelt den Kopf. Er habe sich in seinen Beruf so viel mit Abhängigkeit und Destruktion beschäftigt, sagt Lemhöfer, "das hinterlässt Spuren in der Seele." Deshalb sei es gut, Abstand zu gewinnen. Am 1. April übernimmt sein Nachfolger.
dapd
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