28.09.2010, 15:32 Uhr | DDP
Berlin (dapd-bln). Auch fast 50 Jahre später erinnert sich Jürgen Litfin an den Todeszeitpunkt noch ganz genau: "Am 24. August 1961 um 16.15 Uhr ist mein Bruder im Humboldt-Hafen erschossen worden", sagt der heute 70-jährige Berliner. Noch immer schwingt Wut mit in seiner Stimme, wenn Litfin über das Schicksal seines drei Jahre älteren Bruders erzählt. Der damals 24-jährige Günter war der Erste, der an der Berliner Mauer durch Schüsse ums Leben kam.
Ab dem 13. August 1961 wurden die Sektorengrenzen zwischen West- und Ostberlin abgeriegelt. "Bereits elf Tage, nachdem die Mauer dicht war, starb mein Bruder", erinnert sich Litfin im Gespräch mit der Nachrichtenagentur dapd. Die Brüder wohnten damals noch in Ortsteil Weißensee im Osten Berlins. Noch vor Errichtung der Mauer hatte Günter eine Wohnung im westlichen Bezirk Charlottenburg gefunden. Am 12. August fuhren Jürgen und Günter zusammen in den Westen, um die Wohnung einzurichten. Da Günter schon einen Tag später seinen Lebensplan nicht mehr verwirklichen konnte, unternahm er einen Fluchtversuch. "Mein Bruder hat mir absichtlich nichts von seinen Plänen erzählt, denn Mitwisserschaft wurde damals genauso bestraft, als wenn man das Delikt selbst begangen hätte", weiß Litfin. Sein Bruder habe ihn so vor möglichen Konsequenzen schützen wollen.
Über einen Mieter aus seinem Haus erfuhr Jürgen vom Tod seines Bruders. "Und dann habe ich es im Westfernsehen gesehen", sagt Litfin. Sein erster Gedanke war dann: "Ich muss meinen Bruder sehen." So schnell er konnte, fuhr er zur Gerichtsmedizin. "Die haben mir meinen Bruder aber nicht gezeigt." Doch er gab sich nicht geschlagen. "Bei der Beerdigung einige Tage später habe ich den Sarg aufgebrochen, während meine Freunde den Friedhof bewacht haben, damit die Stasi nichts mitbekommt", erinnert sich Litfin. Der Bruder "hatte einen Pflaster auf dem Kinn und hinten im Genick war der Einschuss."
Für die DDR-Grenzsoldaten galt in Fällen des "ungesetzlichen Grenzübertritts" der Schießbefehl. Bei den Versuchen, die rund 160 Kilometer langen und schwer bewachten Grenzanlagen in Richtung West-Berlin zu überwinden, wurden nach heutigem Erkenntnisstand zwischen 136 und 245 Menschen getötet. Die genaue Zahl der Todesopfer an der Berliner Mauer ist allerdings nicht bekannt.
Obwohl Jürgen Litfin im Gegensatz zu seinem Bruder nicht zu flüchten versuchte, wurde er einen Tag nach dem Tod seines Bruder festgenommen. "Sie nahmen mich zur 'Klärung eines Sachverhalts' fest, mehr sagten die ja nicht. Dann stellten sich mir immer dieselben Fragen: Welche Verwandten und Freunde haben Sie im Westen?", berichtet der 70-Jährige.
Freigelassen hatte die Stasi ihn erst am nächsten Tag, nachdem sie bei ihm keine Hinweise auf Verbindungen zum Westen finden konnte. Dennoch wurden er und seine Familie auch in den darauf folgenden Jahren bespitzelt. 1980 wurde das Ehepaar wegen Beihilfe zur Republikflucht festgenommen, als sie Möbel kaufen wollten. "Wir haben eine Zeitungsanzeige gesehen, sind dann dorthin gefahren und haben die Möbel gekauft. Offiziell wollte der Mann, der uns die Möbel verkaufte, die Wohnung seiner Tante auflösen, in Wirklichkeit wollte er aber in den Westen flüchten". Später wurden die Litfins vom Westen freigekauft und ließen sich in Westberlin nieder.
Auch fast 50 Jahre nach dem Vorfall ist Litfin der Tod seines Bruders noch sehr präsent und sein Widerwillen gegenüber der DDR stark ausgeprägt. "Wie soll das Verhältnis zur DDR sein, wenn die meinen Bruder erschossen haben und uns jahrelang bespitzelt und verfolgt haben? Das war eine Verbrecherregierung, die das Volk mit aller Macht kleingemacht hat", ist Litfin überzeugt. Den Verlust eines Bruders könne er nie vergessen, in diesem Fall heile die Zeit die Wunden nicht.
In Erinnerung an seinen Bruder und die anderen Mauertoten richtete Jürgen Litfin 2003 eine Gedenkstätte im Wachturm der ehemaligen Führungsstelle am Bundeswehrkrankenhaus ein. "Ich will jungen Leuten von der DDR erzählen, damit sie wissen, wie es dort wirklich war", sagt Litfin. Er sei auch nach all den Jahren nicht müde, von seiner persönlichen Geschichte, seinem Bruder und der DDR zu berichten.
dapd
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