19.04.2011, 09:57 Uhr | dapd
Mannheim (dapd-bwb). Die Bilder, die der russische Fotograf Andrej Krementschouk in der Sperrzone um das 1986 explodierte Atomkraftwerk in Tschernobyl mit seiner Kamera festgehalten hat, sind beklemmend.
Auf die Besucher der Mannheimer Ausstellung "Zone - Heimat. Tschernobyl" wirken die großformatigen Fotos aber nicht nur deshalb, weil sich am 26. April das Unglück zum 25. Mal jährt: "Nach der Reaktorkatastrophe in Japan ist diese ganze Ausstellung noch eindringlicher geworden, als sowieso schon", sagt eine Besucherin, die sich lange die Fotos betrachtet hat.
Offiziell gilt die 30-Kilometer-Zone rund um das Atomkraftwerk Tschernobyl als unbewohnbar. Sie ist nur mit Sondergenehmigungen zu betreten, wie der in Leipzig lebende Fotograf Andrej Krementschouk berichtet. Bei verschiedenen Reisen durch das Gebiet - stets einen Geigerzähler im Gepäck - hat der Fotograf Geisterstädte, Wälder und vergessene Menschen im Sperrgebiet fotografiert.
Die Bilder, die deutschlandweit erstmals in Mannheim bis zum 31. Juli zu sehen sind, zeigen ein melancholisches Leben zwischen Tristesse und Einsamkeit.
Hildegard Witzenberger betrachtet lange das Foto, das einen Jungen aus der Zone mit stahlblauen Augen und Schirmmütze zeigt. "Einen solchen melancholischen Gesichtsausdruck würde man wohl nicht bei einem Kind sehen, dass in einer halbwegs normalen Umgebung aufwächst", sagt die 44 Jahre alte Frau aus Heidelberg. Und ja, sie glaubt, dass sich die Geschichte von Tschernobyl in unseren Tagen wiederholt, wenn auch im weit entfernten Fukushima: "Ich habe in Japan eine gute Freundin, mit der ich in Kontakt stehe. Die Menschen sind sehr beunruhigt und verunsichert", hat Witzenberger erfahren.
Dass die japanischen Behörden nun bekannt gaben, das Reaktorunglück von Fukushima werde als Unfall der Kategorie 7 ebenso gefährlich eingestuft, wie die Katastrophe von Tschernobyl, ist nur eine der Parallelen. "In beiden Fällen gibt es eine katastrophale, fast zynische Informationspolitik von den verantwortlichen Stellen", findet der 30 Jahre alte Ivan Pereloma, der beim Software-Konzern SAP in Walldorf arbeitet und aus dem russischen St. Petersburg stammt.
Er und seine Begleiterin, die 26 Jahre alte Irina Poleibabkina, kennen die Erzählungen von Eltern und Verwandten: "Wir kommen beide aus Russland und wissen, dass es im Fall Tschernobyl lange Zeit überhaupt keine Informationen, ganz zu schweigen von Warnungen für die Bevölkerung gab", berichtet die 26 Jahre alte BWL-Studentin. Das sei besonders bitter. Und auch wenn es in Japan mehr Informationen als in der früheren Sowjetunion gebe, die Bevölkerung - so ihr Eindruck - werde in vielen Dingen im Unklaren gehalten.
Die zwei Ausstellungsbesucher empfinden Krementschouks Aufnahmen als beklemmend, wie sie sagen. "Es sieht fast normal aus, aber das ist es eben nicht", sagt der Mann aus St. Petersburg.
"Dieser Widerspruch scheint sehr intensiv auf die Menschen zu wirken. Ich glaube, viele Menschen sind berührt, weil die Bilder in gewisser Weise liebevoll sind - trotz des unfassbaren Hintergrunds", sagt der Kurator und Leiter des Raums für Fotografie im Museum Bassermannhaus der Reiss-Engelhorn-Museen, Thomas Schirmböck.
Fotos der Stadt Pripjat, die zum Zeitpunkt der Katastrophe von 40.000 Menschen bewohnt war, zeigen beispielsweise zerfallene Ruinen. Leere Straßen, heruntergekommene Fabrikgebäude und vor allem Menschen, die in diesem Katastrophengebiet Landwirtschaft betreiben oder zum Nichtstun verdammt sind.
"Es war ein seltsames Gefühl, als ich das erste Mal dort war", berichtet Krementschouk. Natürlich habe er Angst gehabt und mit seinem Geigerzähler ständig gemessen, wie hoch die Strahlenbelastung in den Geisterdörfern oder mitten im Wald war. Mittlerweile ist er deutlich routinierter, und auch wenn er der Nachrichtenagentur dapd noch im März sagte, er wolle nach mehreren Besuchen in der Zone schon aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr zurück, überlegt er nun: "Mal sehen, ich würde eigentlich schon gerne wieder dort hin reisen. Noch aber ist nichts entschieden."
Erst vor wenigen Tagen ist der 37-Jährige aus Slavutich zurückgekehrt, einer Stadt, die nach der Evakuierung der Stadt Pripjat noch 1986 gebaut wurde. Dort leben viele, die noch immer in Tschernobyl am mittlerweile stillgelegten Reaktor arbeiten ,aber auch Menschen, die damals an der Bekämpfung der Folgen der Katastrophe beteiligt waren und in der Zeit danach umgesiedelt wurden mussten.
"Es ist ein unheimlicher Ort", berichtet Krementschouk. So gebe es keine Zerstreuung für die Menschen. Keine Kinos, kaum Cafés und ein Museum schon gar nicht. Das ist eigentlich keine Stadt zum Leben", sagt der Fotograf. Für die Mannheimer Ausstellung hat er einige Fotos von diesem Ort geschossen. Sie sollen in den kommenden Wochen hinzugefügt werden.
dapd
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