15.02.2012, 08:26 Uhr | dapd
Der große Favorit auf die Bären der 62. Berlinale hat sich noch nicht herauskristallisiert. Eher enttäuschend war die Qualität der meisten Beiträge im Wettbewerbsprogramm bislang, so die überwiegende Kritikermeinung. Die besten Noten erhielt mit Christian Petzolds DDR-Drama "Barbara" ein deutscher Beitrag. Immerhin war der Glamourfaktor hoch: Hollywood-Traumpaar Angelina Jolie und Brad Pitt, Bollywood-Superstar Shah Rukh Khan, die französische Diva Isabelle Huppert und Clive Owen sorgten für Glanz.
Zu lachen gab es auch in diesem Jahr wenig im Wettbewerbsprogramm. Wieder dominierten vor allem ernste Themen, ging es um Kriege, Beziehungskrisen oder Familientragödien. Humorvoll und rührend zugleich wurde es bislang nur einmal: Oscar-Preisträger Billy Bob Thornton präsentierte mit "Jayne Mansfield's Car" eine Familiengeschichte vor dem Hintergrund des Vietnamkriegs, die komische und tragische Momente in sich vereint. Allzu große Chancen auf einen Bären hat diese Produktion aber wohl nicht. Thornton präsentierte typisches amerikanisches Wohlfühlkino mit zum Teil kitschigen, pathetischen Szenen.
Ganz anders dagegen der von nationalen und internationalen Kritikern zum Favoriten gekürte Film "Barbara" von Petzold. Er zeigt, wie Menschen in untergehenden Systemen überleben können. Herausragend - wie eigentlich immer in seinen Filmen - ist wieder einmal Nina Hoss, dieses Mal als verzweifelte zwischen den Systemen schwankende Frau. Petzold, dessen Eltern aus der DDR geflohen waren, war bereits mit "Gespenster" (2005) und "Yella" (2007) im Wettbewerb vertreten. In "Yella" spielte auch Hoss mit. Sie gewann damals als beste Darstellerin den Silbernen Bären.
Auch der zweite deutsche Beitrag Hans-Christian Schmids "Was bleibt" stieß auf positive Reaktionen. In der anrührenden Familientragödie wirken Lars Eidinger und Corinna Harfouch mit. Während eines Familientreffens verschwindet plötzlich die depressive Mutter - und zwischen den anderen Familienmitgliedern brechen längst vergangen geglaubte Konflikte wieder auf. Am Donnerstag geht der dritte deutsche Beitrag in das Rennen: Matthias Glasners "Gnade".
Ein Geheimtipp ist der Film "Meteora" von Spiros Stathoulopoulos. Der Regisseur zeigt darin in ruhigen und poetischen Bildern die sich zart entwickelnde "verbotene" Liebe eines griechischen Mönchs und einer Nonne - und benötigt dazu nahezu keine Dialoge. Künstlerisch hochwertige und ruhige Filme dieser Art waren in den vergangenen Jahren häufig erfolgreich.
Auf zwiespältige Reaktionen stieß dagegen der Film "Caesar Must Die". Die italienischen Regie-Brüder Paolo und Vittorio Taviani - beide bereits über 80 Jahre alt - zeigen, wie Häftlinge einer römischen Strafanstalt das Shakespeare-Stück "Julius Cäsar" inszenieren. Schauspieler spielen Gefangene, die wiederum schauspielern. Ein Dokumentarfilm hätte wohl eindringlicher werden können. Gespalten waren auch die Reaktionen auf Ursula Meiers "Sister", ein Sozialdrama in den schweizer Alpen, das allerdings häufig unrealistisch wirkt.
Auch Beiträge namhafter Filmschaffender sind äußerst umstritten: Die Reaktionen auf "Captive" von Brillante Mendoza, in der Isabelle Huppert eine Touristin spielt, die auf den Philippinen von Mitgliedern der muslimischen Abu-Sayyaf-Gruppe entführt wird, waren durchwachsen. Zu brutal, zu aufdringlich und plakativ seien viele Szenen, lautete die Kritik. Der Eröffnungsfilm "Farewell My Queen" von Benoit Jacquot wurde nur wegen der schönen Kostüme und Schauspielerinnen wie Diane Kruger oder Lea Seydoux gelobt.
Der spanische Psychothriller "Dictado" von Antonio Chavarrias über ein angeblich von Dämonen besessenes Mädchen fiel bei der Kritik durch. Ebenfalls überwiegend schlechte Wertungen erhielten Alain Gomis' Film "Aujourd'Hui" und Frederic Videaus "Coming Home".
Preisverdächtig wäre Angelina Jolies Regie-Debüt "In The Land Of Blood And Honey". Dieser eindringliche Film über die Brutalität des Balkankrieges lief aber in einer Nebenreihe.
Der Zuschauerzuspruch ist beim weltweit größten Publikumsfestival weiter überwältigend. Bislang seien bereits 250.000 Tickets verkauft worden, teilten die Veranstalter am Dienstag mit.
Bis Freitag starten noch sechs weitere Filme im Wettbewerb. Insgesamt konkurrieren 18 Filme um den Goldenen und die Silbernen Bären, die am 18. Februar verliehen werden.
(http://www.berlinale.de)
dapd
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