21.01.2011, 16:01 Uhr | DAPD
Berlin (dapd-bln). Seine Werke werden im New Yorker Museum of Modern Art aufbewahrt. Er hat die Potsdamer Filmhochschule gegründet, die DEFA zum Laufen gebracht, die ostdeutsche Wochenschau "Der Augenzeuge" erfunden. Er hat Science-Fiction und Progaganda gedreht. Er war gefeiert und verboten. Der Berliner Regisseur Kurt Maetzig wird am 25. Januar 100 Jahre alt.
"Maetzig ist noch erstaunlich fit. Geistig wie körperlich", sagt Progress-Sprecherin Barbara Löblein. Der einstige DDR-Film-Verleih erwirtschaftet noch immer einen stolzen Teil seiner Einnahmen mit Maetzigs Werk. Vor allem das Archiv des "Augenzeugen" ist gefragt. Kein Abriss zur deutsch-deutschen Teilung, keine Dokumentation über die DDR, die sich nicht dieser Bilder bedient. Maetzig hatte die Reihe mit dem Segen der Sowjetischen Militäradministration ins Leben gerufen. Aus dem demokratisch geplanten Projekt wurde schnell eines, das nur die kommunistische Sicht auf die Welt zuließ.
Sein idealistisches Bekenntnis zum Kommunismus war es auch, das Maetzig 1946 zum Mitbegründer der Deutschen Film-Aktiengesellschaft, DEFA, prädestinierte. Das Unternehmen wurde in den ehemaligen Ufa-Studios von Potsdam-Babelsberg angesiedelt.
Sein erster eigener Spielfilm ist heute Kulturgut: "Ehe im Schatten" (1947) erzählt die Geschichte des Schauspielers Joachim Gottschalk, der sich wegen des Drucks der Nazis 1941 mit seiner Frau Meta das Leben nahm. Maetzig wusste, worüber er im Drehbuch schrieb: Noch 1945 hatte sich seine Mutter, Jüdin wie Gottschalks Frau, aus Angst vor der Gestapo umgebracht. Auch die beiden antifaschistischen Streifen "Die Buntkarierten" (1949) und "Der Rat der Götter" (1950) gehören heute zum Kunsterbe.
Maetzigs zwei Auftragswerke (1954/55) um den Kommunistenführer Ernst Thälmann wurden vom Kinopublikum gern verspottet, obwohl sich der Regisseur bereits bei den Dreharbeiten für eine "schlichte und einfache und überzeugende" Figur einsetzte, statt den Arbeiterführer heroisieren zu müssen. "1957 schuf er mit 'Vergeßt mir meine Traudel nicht' die erste Gegenwartskomödie der DDR", erinnert sich die Schauspielerin Eva-Maria Hagen. Sie verweist auf seinen professionellen, ruhigen Arbeitsstil. Hagen machte drei Filme mit Maetzig und hielt an seinem 90. die Laudatio.
1959 folgte als erster Science-Fiction-Film der DDR "Der schweigende Stern". 1965 kreierte Maetzig unfreiwillig ein eigenes Genre, die "Kaninchenfilme". So wurden zwölf Produktionen des DEFA-Jahrgangs '65 genannt, die der Zensurwut des berüchtigten 11. Plenums des Zentralkomitees der SED zum Opfer fielen. Allen voran "Das Kaninchen bin ich". Erich Honecker, damals noch nicht Staatschef, aber wichtiges Rädchen im Parteiapparat, unterstellte dem Film "eine Verzerrung der sozialistischen Wirklichkeit und des Wirkens der Partei".
Maetzig und DEFA-Kollegen wie Frank Vogel und Frank Beyer waren Opfer eines "Stellvertreterkrieges" geworden, wie es Maetzig Jahrzehnte danach analysierte. Denn eigentlich hatte das Plenum Lösungen für die schlechte Wirtschaftssituation der DDR finden wollen. Liberalisierungen waren im Land geplant. Inzwischen ist bekannt, dass ein Kurswechsel beim "großen Bruder" Sowjetunion alles stoppte. Statt Nikita Chruschtschow regierte seit 1964 Leonid Breschnew. Die DDR-Spitze machte eine "Rolle rückwärts" wie es Maetzig 1999 formulierte. Statt Wirtschaftsreformen gab es plötzlich die Knute für Kulturschaffende.
Buhmann Nummer Eins wurde Maetzig. Die eigenen Genossen warfen ihm "Konterrevolution" und "Staatsfeindlichkeit" vor. Er habe um diesen Film gekämpft "mit Marx- und Engelszungen", sagte er Jahre später. Es half nichts. Der Nationalpreisträger musste Ende 1965 eine Selbstkritik zum "Kaninchen" verfassen. "Das war eine scheußliche moralische Selbstbeschmutzung", sagt er im Nachhinein. Der Film kam erst 1989 in die Kinos.
Auch im hohen Alter ist Maetzig seiner Weltanschauung treu geblieben. Noch 1999 sagte er: "Das Motto des Films war der Weg zum demokratischen Sozialismus. Damit bin ich entsetzlich gescheitert. Aber es war kein Bruch in meiner Biografie. Vielmehr war es eine schmerzhafte Etappe zu einem Sozialismus mit menschlichem Antlitz, wie wir das damals nannten."
Ein eher komischer Stolperstein in Maetzigs Schaffen wurde 2009 selbst Kinothema. In Andreas Dresens "Whisky mit Wodka" sichert ein Regisseur seinen alkoholverliebten Filmstar während der Produktion mit einem Kollegen ab. Jede Szene wird zweimal gedreht. Die Story ist wirklich passiert. Während der Dreharbeiten zu "Schlösser und Katen" im Jahr 1957 stellte Maetzig seinem ständig betrunkenen Hauptdarsteller für zwei Wochen ein Double zur Seite.
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