09.02.2012, 15:22 Uhr | dapd
Drogen und Spielsucht: Sein Leben hat Darius U. viele Jahre lang wie im Rausch erlebt. Als Dealer vertickte er im großen Stil Drogen, das Geld trug er sofort in die Spielhölle. Und verlor alles. "Es ging immer weiter bergab, ich hatte einen Hass auf mich selbst", erinnert sich der 23-Jährige.
Als er vor einem Jahr auf das abgelegene Gut Neuhof in Nauen im Landkreis Havelland kam, änderte sich plötzlich alles. Beim christlichen Selbsthilfeprojekt "Fazenda da Esperanca" lernen Suchtkranke, wieder Struktur in ihr Leben zu bringen, sagt Gutsleiter Volker Dornheim.
Die meisten haben einen Entzug hinter sich, wenn sie dort ankommen. "Viele wenden sich per E-Mail an uns, weil sie schon zahlreiche Versuche unternommen haben, von Drogen wegzukommen, es aber nicht geschafft haben", sagt Theologe und Erzieher Dornheim. Die Nachfrage nach dem Projekt sei steigend. Sieben sogenannte Rekuperanten leben zurzeit auf dem Gut. Ein Jahr lang bleiben die Süchtigen hier, viele aber noch Monate darüber hinaus - 15 Freiwillige sind es derzeit.
Die Kaffeepause am Vormittag ist vorbei. Ein Mitbewohner des Guts spricht ein Gebet, alle murmeln ein kurzes "Amen" und stehen danach auf. Darius macht sich wieder an die Arbeit: Er stellt Holzarbeiten her. Zuvor war er für mehrere Monate im Stall und hat Schweine gehütet. "Wenn man wie ich aus der Stadt kommt, ist der Geruch erst mal gewöhnungsbedürftig. Aber wenn man sieht, wie die Tiere größer werden, wachsen sie einem ans Herz", sagt Darius.
Auf dem Gut leben nur Männer. Frauen würden sie ablenken, sagt Dornheim. Auch das Handy müssen die Süchtigen beim Einzug abgeben. "Es ist oftmals ein Mittel, um an Drogen zu kommen." Zwei Drittel brechen laut Dornheim in den ersten drei Monaten wieder ab. "Das Leben ist hier sehr konzentriert und anstrengend."
Pro Jahr beenden zwischen fünf und acht Männer ihre Auszeit auf Gut Neuhof erfolgreich. Die Rückfallquote liege bei unter 35 Prozent, das sei relativ niedrig, sagt Dornheim.
1998 begann das Leben auf Gut Neuhof. "Das war alles hier total verfallen", sagt Dornheim. Heute sind die Schuppen weitgehend renoviert, neue Gebäude errichtet - dennoch gibt es noch genügend zu tun. Das Projekt selbst wurde Jahre davor in Brasilien gegründet. "Die Idee des Gründers war es, mit jungen Leuten das Evangelium zu leben", sagt Dornheim. Es gehe darum, ein Fundament in das Leben der Süchtigen bringen, das sie stärker mache. "Ich habe gemerkt, dass es innere Ruhe bringt, in der Bibel zu lesen", sagt Darius. Vor Gut Neuhof habe er keinen großen Bezug zum Christentum gehabt.
Bundesweit gibt es vier Ableger des brasilianischen Modells "Fazenda da Esperanca". Wenige Kilometer von Nauen entfernt liegt das weibliche Pendant zu Gut Neuhof in Päwesin (Potsdam-Mittelmark), daneben gibt es in Xanten am Niederrhein und im bayerischen Irsee Fazendas.
Darius' Mitbewohner Alessandro sitzt im Wohntrakt des Hofs in seinem Zimmer in der Wohngemeinschaft. Er teilt sich das Zimmer mit zwei weiteren Männern. Eine Italienflagge hat der 36-Jährige neben seinem Bett aufgehängt und ein Foto von seiner Großmutter steht auf dem Beistelltisch neben dem Stockbett. "Am Anfang war es schwer, sich aneinander zu gewöhnen", sagt Alessandro.
Der Tagesablauf auf Gut Neuhof ist klar strukturiert: 6.00 Uhr Aufstehen, 7.00 Uhr folgt eine gemeinsame Gebetszeit, dann geht es an die Arbeit in Stall, Wäscherei, Fleischerei, Bäckerei. Das Gut erhält sich auf diese Weise selbst. "Wir kaufen kaum etwas zu, wir produzieren selbst", sagt Pädagoge Dornheim. Abends gibt es Programm: Musik, Theater oder Fußball.
Darius U. hat sein Jahr bereits hinter sich. Er hat sich entschlossen, noch etwas länger auf dem Gut zu bleiben. Genaue Vorstellungen von seinem späteren Leben hat er aber schon. "Ich will mal eine Familie gründen."
dapd
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