01.11.2010, 12:24 Uhr | DDP
Vollersode (dapd-nrd). Richard Weize findet sie alle. Den Country- und Westernstar von 1924 ebenso wie den vergessenen Jazz-Pianisten von 1948. Das Oberhaupt der "Bären-Familie" in Vollersode im Landkreis Osterholz hat sein Hobby zum Beruf gemacht. Er spürt seltenes Vinyl in aller Welt auf und veröffentlicht die Musik über sein eigenes Label Bear Family Records neu. Musikliebhaber schwören auf den Echo-Preisträger, wenn es darum geht, nach historischen Aufnahmen zu forschen. In diesem Herbst wird Weizes Label 35 Jahre alt.
Country-Fan Weize erinnert sich noch gut an das erste Bear-Family-Projekt. "Das war Carl T. Sprague, der 1924 einen Hit mit dem Titel 'When the work's all done is fall' gehabt hat", sagt der 65-Jährige, der mit Latzhose, Vollbart und Zopf hinter seinem Schreibtisch in einem alten Bauernhof am Rande des Teufelsmoors sitzt. Der amerikanische Cowboy Sprague gilt als einer der ersten Country-Musiker, der eine Schallplatte besungen hat. "Ich habe ihn in Texas aufgetrieben, und er hat dann noch ein paar Westernsongs, die er früher schon gesungen hatte, aufgenommen", erzählt Weize. Die Platte sei jedoch nicht erfolgreich gewesen. "Das war viel zu esoterisch", schätzt er.
Doch Weize ließ sich nicht entmutigen. Inzwischen hat das Label rund 2.000 LP- und CD-Projekte auf den Markt gebracht. "Das sind im Wesentlichen Wiederveröffentlichungen von Raritäten aus den 20er- bis 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts", erklärt der Musikenthusiast. Was der fünffache Vater macht, muss entweder seinem persönlichen Geschmack entsprechen oder zeitgeschichtliche Bedeutung haben. Aktuelle Charts interessieren ihn nicht. Im Programm von Bear Family Records findet sich Johnny Cash ebenso wie Doris Day oder Gunter Gabriel. Die Produktionen verkauft er über den eigenen Bear-Family-Mailorder. Insgesamt stehen 30.000 CDs, DVDs, Bücher und Boxen im Katalog.
Die Gründe, warum er sich für ein Projekt entscheide, seien vollkommen unterschiedlich und irrational, die Umsetzung oftmals Detektivarbeit. "Zuerst verschaffe ich mir die Basisinformationen, dann fliege ich beispielsweise nach Amerika und suche mir in den Studios die Musik zusammen", beschreibt der 65-Jährige seine Vorgehensweise. Die Original-Masterbänder fast vergessener Aufnahmen werden dann von Toningenieuren bearbeitet. Für die umfassenden Begleittexte versuchen Weize und seine Autoren auch mit den Künstlern zu sprechen, sofern sie noch leben. "Ich bin viel auf Reisen, habe aber mittlerweile auch ein Netzwerk, auf das ich zurückgreifen kann", sagt er.
Neben Country, Rock’n Roll, Jazz, Beat und Schlager bringt Weize nach eigenen Worten auch gern politische Sachen heraus. "Das Wichtigste, das wir gemacht haben, ist sicherlich die Box 'Vorbei - Beyond Recall'. Das ist eine Dokumentation auf zwölf CDs und einer DVD über jüdische Musik im Dritten Reich", berichtet der 65-Jährige. "Die jüdische Vereinigung durfte jüdische Musik auf zwei Labels produzieren, die jedoch nur an Juden und nicht an Deutsche verkauft werden durfte." Um diese Aufnahmen zu finden, seien verschiedene Leute um die Welt gereist. Er selbst habe sich in Berlin auf Bildrecherche begeben.
"So etwas darf nicht verloren gehen", sagt der Bear-Family-Chef mit Nachdruck. Dass das Publikum für solche Projekte erfahrungsgemäß nicht besonders groß ist, stört ihn nach eigenen Worten nicht. "Solange wir davon leben können, ist mir das recht", sagt der 65-Jährige. Geld interessiere ihn heute nicht mehr. "Wenn ich mehr Geld hätte, dann würde ich einfach mehr Tonträger machen", sagt Weize, dessen Privatarchiv rund 40.000 Schallplatten umfasst.
Sein erstes Vinyl kaufte er als Zehnjähriger. Damit begann seine Sammelleidenschaft, auch wenn er beruflich zunächst einen anderen Weg einschlug. Der in Bad Gandersheim geborene Weize absolvierte eine Lehre als Dekorateur, später ging er als Weinverkäufer nach England. "Als ich Anfang der 1970er Jahre nach Deutschland zurückkam, habe ich zusammen mit einem Bekannten Platten aus den USA importiert", erzählt Weize. Während sich der Bekannte aus dem Geschäft zurückzog, habe er es ausgebaut.
1975 gründete er dann sein Label Bear Family Records. Die Firma beschäftigt heute rund 30 Mitarbeiter. 2009 erhielt Weize den deutschen Musikpreis Echo "für besondere Verdienste um die Musik". In der Laudatio hieß es: "Dass Bear Family selbst irgendwann zum Kult werden würde, war ihm (Weize) 1975 sicher noch nicht klar." Ans Aufhören denkt der "verrückte Deutsche", wie er von vielen musikbegeisterten Amerikanern in Nashville oder Memphis liebevoll genannt wird, auch mit 65 Jahren nicht. "Ich arbeite gleichzeitig an 20 bis 30 Projekten", sagt er. "Das mache ich, bis ich in die Kiste springe."
dapd
DDP
Die neue Frühlingskollektion von Topmarken: tolle Schuhe, Mode u.v.m. - Versand gratis. mehr
Nie wieder offline - endlos surfen & simsen. Nummer mitnehmen und 25,- € sichern. von congstar.de