11.02.2012, 14:21 Uhr | dapd
In der Schwabmünchner Stadtpfarrkirche St. Michael sind die Besucher des Gottesdienstes nicht selten verblüfft. Denn wenn die mächtige Kirchenorgel auf der Empore ertönt, sitzt of niemand davor. "Sie spielt wie von Geisterhand", wunderte sich neulich eine Kirchgängerin, als die Orgeltasten plötzlich loslegten.
Kirchenmusiker Stefan Wagner lüftet das Geheimnis. Er sitzt 30 Meter von der Orgel entfernt im Altarraum und dirigiert einen Kinderchor. Mit der linken Hand spielt das Multitalent auf einer Miniorgel, mit der rechten bedient er die große Kirchenorgel - über eine Konstruktion mit Keyboard, Laptop und Fernsteuerung. Mithilfe eines USB-Funksticks würden sogenannte Midi-Signale an die Orgel hochgeschickt, erklärt Wagner. So könne er zugleich als Chorleiter und Organist auftreten.
In Eigenregie haben sie in der technikfreundlichen Kirchengemeinde die Elektronik entwickelt - an sich kein Hexenwerk. Wenn nötig, könne er sogar vom Straßencafé nebenan die Orgel ertönen lassen, sagt Wagner: "Die Funkdistanz reicht aus." Er merkt an, auch ein bekannter Organist aus Wien könne von der Ferne aus durchaus mal darauf spielen. Die Schwabmünchner Orgel lässt sich auch via Internet vom Computer aus ansteuern.
"Die Angst einiger Kirchenmusiker, wir würden den Organisten durch den Computer ersetzten, ist völlig unbegründet", versichert Stefan Wagner. Es gehe nur darum, bei den vielen Chorproben "oder wenn mal nur ein Orgelstück im Gottesdienst gespielt wird, dass man sich dann den zusätzlichen Organisten sparen kann. Wir wollen das aber wahrlich nicht grundsätzlich".
Kinder- und Familiengottesdienste sind ein Beispiel für den Einsatz der Orgel-Fernsteuerung. Da sitzt Kirchenmusiker Wagner unten an der kleinen Orgel. Er dirigiert, spielt beide Orgeln und das alles im Alleingang. Sein Traum sei es schon als kleiner Junge gewesen, Kirchenmusiker zu werden, sagt der Geisterhand-Organist.
Auch ansonsten präsentiert sich die Kirchengemeinde außergewöhnlich modern: Kaum hat die große Kirchenorgel scheinbar wie von selbst vor sich hingespielt, predigt der Kaplan - vom iPad aus. "Wir sind schon eine aufgeschlossene und technisch interessierte Gemeinde, auch unser Stadtpfarrer ist bestens vertraut mit dem Computer, und die Kids im Chor finden das richtig cool", sagt Wagner.
Nach seinen Angaben sind auch die Gottesdienst-Besucher begeistert, wenn sie von der Technik überrascht werden. Laut Wagner heißt das Motto in Schwabmünchen nicht "mit Laptop und Lederhose", sondern "mit Laptop und Soutane".
dapd
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