30.08.2011, 11:28 Uhr | dapd
Drensteinfurt (dapd-nrd). Vladislav Shevchenko rubbelt die Wange von Heidi Kabel mit Stahlwolle ab. "Peeling", nennt das der 32-jährige Ziseleur und grinst. Vor ihm steht natürlich nicht die im vergangenen Jahr gestorbene Ikone des Hamburger Ohnsorg-Theaters, sondern ein lebensgroßes Abbild aus Bronze, freundlich lächelnd, den linken Arm ausgestreckt. Shevchenko gibt der Skulptur den letzten Schliff. Von hier aus, einer staubigen Halle in einem Industriegebiet im münsterländischen Drensteinfurt, geht die "Hamburger Deern" auf ihre letzte Reise.
Bevor es so weit ist, müssen Ziseleur Shevchenko und sein Chef Josef Volmer nur noch ein paar Feinarbeiten vornehmen. Etwa 100 Arbeitsstunden haben sie gemeinsam mit den vier anderen Mitarbeitern der Kunstgießerei Anft in die Fertigung gesteckt. Für den Metallgießermeister Volmer ist es ein Auftrag wie fast jeder andere. Zwar freut er sich über das Interesse an der prominenten Figur, zugleich macht er aber klar: "Es ist nur eine von vielen Arbeiten im Jahr." Auch eine bundesweit berühmte Volksschauspielerin erhält bei ihm posthum keine Sonderbehandlung.
Und so ist die Herkunft der bronzenen Heidi Kabel weit weniger glanzvoll als ihre fast 75-jährige Karriere. In der Mischlegierung, aus der die Statue besteht, wurden alte Rohre, Ventile und Türklinken zusammengeschmolzen.
Doch bevor die beiden Schmelzöfen des Betriebs angeheizt werden konnten, musste erst einmal die Form her. "Wir sind keine Künstler, wir sind Handwerker", betont Volmer. Die Künstlerin hinter der Skulptur heißt Inka Uzoma. Die gebürtige Drensteinfurterin hat 35 Jahre in Hamburg gelebt und erhielt von dort den Auftrag, die populäre Volksschauspielerin in einer Theaterszene abzubilden.
Uzomas wohl bekannteste Arbeit dürfte das Denkmal für Fußballer Helmut Rahn am Essener Georg-Melches-Stadion sein, das an den Wegbereiter für das "Wunder von Bern" im Jahr 1954 erinnert.
Bis aus Skizzen und einem Tonmodell die Form für das Heidi-Kabel-Denkmal entstanden war, dauerte es ein halbes Jahr. In der Gießerei wurde das Modell wiederum in sieben Teile zerlegt, um sie einfacher Gießen zu können. Die passende Gießform entsteht, indem das Modell in Sand gepresst wird. "Das ist wie Kuchenbacken im Sandkasten", erklärt Volmer. Der Abdruck wird später mit flüssigem Metall ausgegossen. Für die filigraneren Teile arbeiten die Gießer mit Silikon- und Wachsmodellen.
Sind alle Einzelteile fertig gegossen, werden sie zusammengeschweißt und die Schweißnähte glatt geschliffen. Zuletzt wird die gesamte Statue patiniert. Durch das künstliche Oxidieren der Oberfläche soll das Metall vor Korrosion geschützt werden.
Doch auch dieser Arbeitsschritt wird eines nicht verhindern können: "Irgendwann sieht sie so aus wie Bismarck", sagt Volmer und zeigt auf ein überlebensgroßes Abbild des einstigen Reichskanzlers Otto von Bismarck (1815-1898), das auf einem Gabelstapler in die Halle gefahren wurde. Der Bronzeglanz ist beim 130 Jahre alten "Eisernen Kanzler", der sonst in der Viersener Innenstadt steht, einer grün schimmernden Schicht gewichen. Dieses Schicksal droht auch der noch glänzenden Heidi Kabel. Das Salz in der Hamburger Luft sei schuld, klärt Volmer auf.
Noch schimmert die zierliche Heidi Kabel aus Metall im Licht der Werkstatt. Die Statue misst übrigens 165 Zentimeter und damit zwei Zentimeter mehr als das Original. Wieviel wiegt so eine Bronze-Heidi? "Über das Gewicht von Damen spricht man nicht", sagt Volmer. Diese Geheimniskrämerei ist nicht nur seine Manieren geschuldet. Buntmetalldiebe zeigen offenbar selbst vor einer Ikone des deutschen Volkstheaters wenig Respekt.
Einfach wegtragen ließe sich die innen hohle Heidi Kabel jedenfalls nicht. Um sie für ihre letzte Reise in den Norden vorzubereiten, schnallt ihr Shevchenko einen grünen Gurt um die Hüfte, hakt einen schweren Karabiner ein und hievt die Skulptur per Seilwinde in die Luft.
Am Freitag (2. September) machen sich Gießermeister Volmer und Künstlerin Uzoma mit der Statue auf den Weg nach Hamburg. Zwei Tage später ist die Enthüllung des Denkmals vor dem neuen Domizil des Ohnsorg-Theaters geplant. Der glanzvollen Karriere der Volksschauspielerin folgt dann ihr letzter, glänzender Auftritt auf dem nach ihr benannten Heidi-Kabel-Platz.
dapd
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