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Der Schmerz als Grundthema

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Der Schmerz als Grundthema

09.02.2012, 13:12 Uhr | dapd

Die Bildhauerin Louise Bourgeois hat einmal gesagt, dass ihre Emotionen ihrer Körpergröße nicht angemessen seien. "Deshalb stören sie mich. Deshalb übertrage ich sie." Treffender kann man die Werke der kleinen, zarten Frau mit der rohen Wucht nicht erklären. Louise Bourgeois (1911-2010) hat alles heraus gelassen, immer und immer wieder - in Form einer Kunst, deren Grundthema stets der Schmerz war. Von Freitag (10. Februar) an widmet die Hamburger Kunsthalle der Franko-Amerikanerin mit "Louise Bourgeois. Passage dangereux" eine intensive Schau. Dabei ist Bourgeois' elf Tonnen schwere Spinnenskulptur "Maman" (Mutter) zweifellos der Höhepunkt.

Als Louise Bourgeois am 31. Mai 2010 im Alter von 98 Jahren in New York stirbt, hinterlässt sie ein unerschöpfliches Werk. Bis zuletzt hat sie gearbeitet, auch, weil sie nicht anders konnte, wie die Kuratorin der Ausstellung, Brigitte Kölle, im dapd-Interview sagt. Für Bourgeois sei ihre Berufung Segen und Flucht zugleich gewesen. "Und sie war unglaublich gut im Alter", erklärt Kölle.

Dabei wurde die belesene Bildhauerin erst spät entdeckt. Stets die Distanz zu anderen Künstlern und Strömungen wahrend, katapultierte eine Retrospektive im New Yorker Museum of Modern Art (MoMA) sie 1982 in die Öffentlichkeit. Gefallen hat ihr das nicht immer. Zwar freute sie sich über die plötzliche Anerkennung, empfand die Aufmerksamkeit aber auch als bedrohend. Sie war ungern unter Menschen, nannte sich eine einsame Langstreckenläuferin. So ist Bourgeois nie zu ihren eigenen Ausstellungen gegangen. "Sie war immer auf ihre aktuelle Arbeit fokussiert, alles andere war weit weg", beschreibt die Kuratorin.

Die Hamburger Schau zeigt bis 17. Juni Skulpturen, Radierungen, Rauminstallationen sowie Arbeiten aus Stoff und Tapisserien aus den letzten 15 Lebensjahren der Bildhauerin, darunter die fast schon wahnsinnige Werkserie "Passage dangereux" (1997) und die unendlich wirkende Radierungsserie "À l'infini" (2008). Insbesondere "À l'infini", die Bourgeois von Hand übermalte, dürfte das Interesse der Besucher wecken. Vom MoMA angekauft, war die Serie kürzlich erstmals überhaupt in der schweizerischen Fondation Beyeler zu sehen und feiert nun Premiere hierzulande.

Kölles Gestaltung der Schau ist schlicht, minimalistisch, vor hellen Wänden - aufgeteilt nach Materialien. Vor allem die "Passage dangereux" im großen Raum des Hubertus-Wald-Forums, flankiert von den kleineren Seitenkabinetten, setzt auf Theatralik, auf Dramatik, auf Düsterheit. Einzig mit Spots ausgestattet, entfaltet sich die aufwühlende Werkserie erst in der Dunkelheit, wie es die Kuratorin beschreibt. Und auch in der "Passage dangereux", einer Ansammlung aus Gegenständen, hat Bourgeois nicht auf die Spinne verzichtet. Das Tier zählt zu den zentralen, immer wiederkehrenden Elementen in ihrer Arbeit und gipfelt in der 9,27 Meter hohen und 8,91 Meter breiten Spinnenskulptur "Maman".

Das faszinierende wie bedrohliche Monument von 1999 aus Bronze, Edelstahl und Marmor, das seit dem 23. Januar auf dem Plateau vor der Kunsthalle thront, ist eine Hommage an Louise Bourgeois' Mutter. Während Bourgeois ihre Mutter, eine Restauratorin von Tapisserien, als "geduldiges Wesen, das immer wieder von vorne beginnt" gesehen habe, habe sie sich selbst als komplettes Gegenteil empfunden. So hat die von Stimmungsschwankungen und Schlafstörungen geplagte Bourgeois immer alles zerstört, wieder aufgebaut und wieder zerstört. "In meinem Werk gibt es die Angst, im Stich gelassen und getrennt zu werden", sagte sie einmal. Sie wollte der "Frustration und dem Leiden Form und Bedeutung verleihen".

Mit der Skulptur "Maman" hat sie ferner den Schlüssel zum Verständnis ihrer komplexen Kunst geschaffen. Das Selbstbewusstsein, sich mit Körperlichkeit und der eigenen Geschichte auseinanderzusetzen, habe Bourgeois intensiv betrieben und sie zu einer Vorreiterin gemacht. Und sehr viele Menschen reagierten sehr intuitiv, sehr stark auf die Ambivalenz. "Entweder man ist total begeistert oder vor Ekel und Furcht abgeschreckt", sagt Kölle. Und genau darin liege die Kunst von Louise Bourgeois, "etwas offen zu halten - auch die Gefühle".


dapd  

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