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Die apokalyptischen Tänzer

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Die apokalyptischen Tänzer

08.02.2012, 10:17 Uhr | dapd

Nanine Linnings letzte Choreografie-Arbeit für das Osnabrücker Theater endet mit einer krassen Szene: Eine nackte Tänzerin wird mit Teer überschüttet. "Voice over", so der Name des am Samstag uraufgeführten Stücks, ist die bisher düsterste Choreografie der Niederländerin, die im Sommer nach Heidelberg wechselt. "Alles in der Welt geht dem Ende zu", sagt die 34-Jährige. In ihrem Stück bringt sie die Apokalypse auf die Bühne.

Die Frage, ob das Schlussbild des Stücks auch als ein Fazit für ihre dreijährige Zeit in Osnabrück stehen soll, verneint Linning lachend. So schwarzhumorig sei sie nicht. Sie gehe keinesfalls geteert und gefedert von Osnabrück nach Heidelberg, sondern habe ihre Arbeit "mit viel Spaß getan". Vielmehr habe sie ein Stück mit aktuellen Bezügen inszenieren wollen, betont sie.

"Osnabrück war mein erstes festes Engagement an einem Stadttheater", sagt Linning. Sie verstehe nun die Strukturen in so einem Haus, sagt sie. Dies komme ihr bei der Tätigkeit am Heidelberger Theater zugute, wo sie wieder mit Intendant Holger Schultze zusammenarbeitet, der Linning 2009 aus den Niederlanden nach Osnabrück holte.

Der Intendant des Osnabrücker Theaters, Ralf Waldschmidt, sagt über Linnings Abschied lapidar: "Man soll aufhören, wenn es am schönsten ist." Linning habe das Tanztheater ins Bewusstsein der Stadt gebracht. Ihre Stücke hätten eine eigenwillige Sprache.

In den drei Jahren mit Linning habe sich am Theater viel entwickelt. Ihre Nachfolger Mauro de Candia und Patricia Stöckemann sollten es ihr gleichtun, sagt Waldschmidt. Seine Aufgabe sei es, "den Künstlern und dem Publikum die Freiräume zu stellen".

In Heidelberg wolle sie weiterhin multidisziplinär arbeiten, sagt Linning. Sie plane eine Tanzoper und Aufführungen mit Orchester und Chor. Einige Tänzer aus ihrem Ensemble gingen mit ihr nach Heidelberg, sagt sie.

In "Voice over" gehen die Tänzer, wie in vielen Stücken Linnings, an die Grenzen ihrer Belastbarkeit. Außergewöhnlich für eine Linning-Choreografie ist die dargestellte Gewalt: Die Figuren erleiden Erniedrigungen, müssen Tritte und Schläge einstecken, werden geteert. "Das Stück stellt eine Fünf-vor-Zwölf-Situation dar", sagt Linning. In den vergangenen fünf Jahren habe sich die Welt zum Schlechten verändert. Es gebe überall Krisenherde.

"Die Welt dreht sich nur um den Kapitalismus", sagt die Niederländerin. Zwar sei hierzulande bekannt, dass in Ländern wie China Menschen ausgebeutet würden, damit die Menschen im Westen sich iPhones und günstige Urlaubsreisen leisten könnten. Das aber blendeten viele ihrer Meinung nach aus. "Wir wollen nur schneller, billiger und mehr."

In ihrem Stück wolle sie den Kampf der Unterdrückten gegen mächtige Konzerne darstellen. "Das ist ein kafkaesker Kampf", sagt Linning. Die Aggression richte sich nicht gegen einen bestimmten Feind, sondern gegen unpersönliche Konzerne. Als Vorbild habe sie dabei die Occupy-Bewegung im Blick, sagt sie. Viele Menschen würden von den Konzernen unterdrückt, gleichzeitig wollten sie am System teilhaben, sagt Linning. "Wir sind heute wieder beim Kannibalismus angekommen: Wir essen einander."

Mit einer Botschaft wolle sie nicht aufwarten, sagt Linning. "Mein Job ist es, ein aufwühlendes, engagiertes Stück zu machen und zu fragen: Was passiert mit unserer Welt?" Die Natur stehe ebenso auf dem Spiel wie die Wirtschaftssysteme.

Den Titel "Voice over" habe sie von "Game over" abgeleitet, sagt die Choreografin. "Vielleicht gibt es nach einer Apokalypse eine Stimme, die sagt, was früher bei uns schön war." Daher stünden die Tänzer am Ende des Stücks neben der mit Teer übergossenen Tänzerin auf der Bühne und zeigten in einer Art Gebärdensprache, was sie als Individuen schön fanden. Dass sie dies pantomimisch ausdrückten, sei bewusst so gewählt worden, sagt Linning: "Mich interessiert die Sprachlosigkeit der Welt."


dapd  

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