08.04.2011, 08:55 Uhr | dapd
Leipzig (dapd-lsc). Helle, heeflich und heemdiggsch sollen die Sachsen sein - schlau, höflich und heimtückisch. Oder, wie Erich Kästner schrieb: "Wir sinn nich so gemiedlich, wie wir schbrechen." Egal, ob die Sachsen heimtückisch sind: Der gemütliche Dialekt selbst wird in der Bundesrepublik nicht gemocht. Mehr als die Hälfte der Deutschen (54 Prozent) hören den Dialekt äußerst ungern, ermittelte vor wenigen Jahren das Institut für Demoskopie Allensbach.
Dieser Befund ist nicht neu: Seit Ende des Siebenjährigen Krieges 1763 gelte sächsisch als unbeliebter Dialekt, sagt Beat Siebenhaar, Professor für Germanistische Linguistik an der Universität Leipzig. Sachsen hatte damals seine Vormachtstellung verloren, Preußen sich als Großmacht etabliert. "Die Oberschicht begann, sich an der Schriftsprache zu orientieren, man wollte nicht mehr Bauernsprache sprechen."
Der soziale Druck, sächsisch zu vermeiden, führte zum Verschwinden des Dialekts: "Spätestens vor 100 bis 150 Jahren ist der sächsische Dialekt weitgehend ausgestorben", sagt Germanist Siebenhaar, "es ist nur ein sächsisch geprägtes Hochdeutsch übrig geblieben, das heute oft nicht korrekt als Dialekt bezeichnet wird." Im vergangenen Jahrhundert verstärkte sich der Druck weiter: "Die Nationalsozialisten wollten sächsisch ausrotten und boten sogar Sprachkurse an", sagt Siebenhaar. Der Dialekt galt als unheldisch, das parodistische und satirische Verwenden des Dialekts wurde ab 1936 verboten.
Nach dem Krieg war sächsisch zu DDR-Zeiten weiterhin verpönt: Staats- und Parteichef Walter Ulbricht, bis 1971 an der Macht, sächselte stark. "Man wollte nicht so schrecklich sprechen wie Ulbricht", erinnert sich der Leipziger Kabarettist Gunter Böhnke, der mit zahlreichen mundartlichen Programmen ("So sinn mir Saggsn!") aufgetreten ist. "Außerdem sollte Ulbricht nicht karikiert werden."
In der Bundesrepublik verlor das Sächsische während der deutschen Teilung ebenfalls weiter an Ansehen. Mit dazu bei trugen Erfahrungen bei Grenzkontrollen: "Volkspolizisten und Soldaten der Grenztruppen waren häufig Sachsen und haben entsprechend gesprochen", erinnert sich der 67-Jährige. Dennoch: "Ich gehöre nicht zu den Sachsen, die sich schämen, Sächsisch zu sprechen", sagt Böhnke, der 1966 das Studentenkabarett "academixer" mitgründete und 1978 Berufskabarettist wurde. "Ich rede so, wie mir der Schnabel gewachsen ist."
Den Interviewern des Allensbacher Instituts für Demoskopie sagte 2008 allerdings mehr als jeder dritte Sachse (37 Prozent), er spreche eigentlich immer Mundart. "Man kann großen Gewinn daraus ziehen, Hochsprache und auch Dialekt zu sprechen", sagt Germanist Siebenhaar. "Mehrsprachigkeit wird häufig als Vorteil angesehen, wenn es um Englisch oder Französisch geht. Warum soll das nicht auch für sächsisch gelten?" Über Sprache lerne man immer auch eine andere Kultur kennen - und über den Dialekt die der Heimat.
"Das heißt nicht, dass man sich nicht auch bemühen soll, Hochdeutsch zu sprechen", findet Siebenhaar. Der Professor ist seit drei Jahren in Leipzig und stammt ursprünglich aus der Schweiz. "Wer Schweizer ist, spricht Dialekt", sagt er, "egal ob am Bankschalter oder als Politiker in der Talkshow im Fernsehen. "Eine Sendung von Anne Will, Maybrit Illner oder Frank Plasberg mit sächselnden und berlinernden Politikern wäre in der Schweiz normal, ist hier aber nur schwer vorstellbar", erklärt der Experte.
Auf der Bühne immerhin gibt es zahlreiche sächsische Kabarettprogramme: Ob der Kabarettist Tom Pauls mit seiner Kunstfigur Ilse Bähnert, der ehemalige "Polizeiruf"-Kommissar Uwe Steimle, der Günther Zieschong spielt, oder Comedian Olaf Schubert. Kabarettist Böhnke hat es derzeit das Werk der Leipziger Mundartdichterin Lene Voigt (1891-1962) besonders angetan: "Sie hat das Sächsische nicht lächerlich gemacht", sagt Böhnke, "sondern die sächsische Mentalität in Klassiker gelegt." Märchen übertrug sie ins Sächsische, ebenso Balladen von Goethe oder Schiller. "Hubbe, mei Begahsus, hubbe!" heißt denn auch Böhnkes aktuelles Programm und fragt im Untertitel: "Wie isser denn, dor Saggse? Isser nor helle, heeflich und heemdiggsch?"
dapd/sw
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