28.11.2011, 09:21 Uhr | dapd
Es grenzt schon fast an ein Wunder, dass es die Alte Synagoge in Essen als Haus jüdischer Kultur überhaupt gibt. Nicht nur, weil die Nationalsozialisten das Gebäude 1938 in Brand setzten und die Essener Bürger jüdischer Herkunft ins Exil trieben oder umbrachten. Sondern auch, weil das Gebäude beim Umbau zu einer Ausstellung für Industriedesign Ende der 1950er Jahre fast zugrunde gerichtet wurde.
"Man hat damals den Torarollenschrein im Jugendstil abgerissen, die Frauenempore abgebrochen", berichtet Uri Robert Kaufmann. "Man hat die Mosaike herausgehauen, hat das Haus sehr unschön behandelt." Erst 1980 richtete die Stadt hier eine Gedenkstätte ein, die sich mittlerweile zu einer kulturellen Begegnungsstätte entwickelt hat.
Seit knapp drei Monaten wird sie von Uri Robert Kaufmann geleitet. Über Stationen in Jerusalem, an der Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg und am Jüdischen Museum in Berlin kam der gebürtige Schweizer ins Ruhrgebiet. "Jüdische Geschichte hat mich immer schon sehr interessiert", sagt der 54-Jährige. Und die umfasst für ihn sehr viel mehr als die Geschichte der Verfolgung der Juden. "Für viele ist das Judentum nur mit der Zeit des Nationalsozialismus verbunden. Sie wissen nicht, dass in Deutschland die jüdische Geschichte elf Hundert Jahre zurückreicht", bedauert Kaufmann. "Natürlich waren die Juden auch Opfer. Aber man soll auch die jüdische Kreativität zum Beispiel im Mittelalter zur Kenntnis nehmen." Man könne das Abendland nicht nur für das Christentum reklamieren, betont er. Auch die jüdische Kultur habe bedeutend zur abendländischen Kultur beigetragen.
Die Vielfalt im aktuellen Judentum zu präsentieren, steht im Mittelpunkt der Arbeit der Alten Synagoge. Natürlich wird der Holocaust nicht ausgeblendet, wird in Gedenkbüchern der etwa 2.500 nach 1941 ermordeten Essener Juden gedacht. Dass es den Nazis dennoch nicht gelungen ist, eine jahrtausendealte Kultur zu vernichten, davon zeugen andere Abteilungen der Schau. Sie widmet sich etwa am Beispiel der jüdischen Feste der Bandbreite jüdischer Religiosität. Sie zeigt aber auch die Lebendigkeit jüdischen Alltagslebens von London über Berlin bis Teheran - jenseits der gängigen Klischees.
Kaufmann zählt sich selbst zur liberalen Strömung im Judentum, die die koscheren Ernährungsgebote nicht unbedingt einhält. "Auf gewisse Teile der Tradition lege ich aber wert", sagt er. "Ich zünde am Freitagabend Kerzen an, mache den Brotsegen und den Weinsegen, arbeite nicht am Samstag, schalte dann auch keinen Computer an."
Zu den Ideen, die er in die Arbeit der Alten Synagoge einbringen will, zählt die Intensivierung des Dialogs mit den Muslimen. Er weiß, dass "viele Jugendliche mit muslimischem Hintergrund judenfeindlich beeinflusst sind". Kaufmann möchte Lehrmittel für den Schulunterricht über das Verhältnis von Islam und Judentum entwickeln, um Vorurteilen zu begegnen.
Für Andreas Bomheuer, Essener Beigeordneter für Kultur, nimmt die Alte Synagoge "unter den herausragenden Kulturinstitutionen der Stadt als Vermittlerin von Inhalten des jüdischen Glaubens und Lebensstils eine besondere Position ein". Deren Leitung erfordere "ein hohes Maß an Sensibilität und Sachverstand". Den neuen Leiter hat er als "besonnenen Menschen und aufmerksamen Zuhörer" kennengelernt und ist sich sicher: "Das sind gute Voraussetzungen für tragfähige Entscheidungen."
Uri Robert Kaufmann findet an der Institution Alte Synagoge übrigens das Gebäude selbst am beeindruckendsten. "Es ist ein besonderes Erlebnis, wenn man in der Mitte des Raumes die Höhe der Architektur begreift", sagt er und fügt leise hinzu: "Wenn man mit jüdischen Augen guckt, weiß man, dass es ein ehemaliges jüdisches Gotteshaus ist. Der Tora-Schrank ist leer, es liegen keine zerfledderten Gebetbücher herum. Dann ist man erst einmal etwas traurig."
dapd
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