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EHEC-Ausbruch: Ernten für die Tonne

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Ernten für die Tonne

01.06.2011, 15:36 Uhr | dapd

Papenburg/Hannover (dapd-nrd). Der EHEC-Ausbruch trifft die Gemüsebauern mitten in der Hochsaison ihrer Ernte. Nachdem spanische Gurken nun doch nicht als Auslöser in Frage kommen, hatten viele Lebensmittelproduzenten auf eine steigende Nachfrage gehofft. Doch sie ernten weiter für die Mülltonne. Ihre Wut auf die Politik steigt - die hält indes ihre Warnungen vor dem Verzehr von rohem Gemüse aufrecht.

Die Gartenbauzentrale in Papenburg ist einer der größten Gemüseproduzenten in Norddeutschland. Der Verkaufsleiter im Bereich Obst und Gemüse, Andreas Brinker, hat etwas Vergleichbares in seiner 20-jährigen Tätigkeit noch nicht erlebt. "Wir werfen jeden Tag Gurken für eine Viertelmillion Euro weg", sagt er. Der Markt sei tot, der Preis für Gurken im Großhandel von 40 Cent auf 10 Cent pro Stück abgestürzt.

Der Betrieb kann die Ware nicht einmal verschenken. Selbst die Tafeln nehmen das kostenlose Gemüse nicht an. Und weil der Abtransport in eine Biogasanlage zu teuer ist, landet das Gemüse voraussichtlich irgendwann als Dünger auf einem Acker. Eine "Katastrophe" nennt die Landwirtschaftskammer Niedersachsen die Situation bei Gurken, Tomaten und Salaten.

Dabei sei die Ware einwandfrei, versichert Brinker. "Wir haben alle Zulieferbetriebe mehrfach prüfen lassen. Alles sauber!", sagte er. Doch die mehr als 100 Proben reichten nicht aus, um das Vertrauen der Verbraucher zurückzugewinnen. Das liege auch an den missverständlichen Äußerungen von Politikern und Experten, kritisiert Brinker. In seinen Augen sind sie für die "Hysterie" in der Bevölkerung verantwortlich.

"Die Behörden reiten sich immer tiefen in den Mist", schimpft der 46-Jährige. Mittlerweile wisse niemand mehr, wie der Stand der Dinge eigentlich sei. Am Dienstag war bekannt geworden, dass die mit dem Durchfallerreger EHEC belasteten spanischen Salatgurken vom Hamburger Großmarkt offenbar doch nicht für die schweren Darmerkrankungen in Norddeutschland verantwortlich sind. Die Experten tappen bei der Suche nach den Ursachen weiter im Dunkeln.

Von Behörden und Wirtschaftsunternehmen seien bislang jeweils rund 150 Lebensmittelproben auf den Erreger untersucht worden, sagt der Sprecher des niedersächsischen Landwirtschaftsministeriums, Gert Hahne. EHEC sei in keiner der Proben gefunden worden.

Für die Übertragung komme eine Vielzahl von Lebensmitteln und Vertriebswegen infrage. "Solange die Zahl der Infektionen noch ansteigt, müssen wir davon ausgehen, dass die Quelle noch sprudelt", warnt Hahne. Den Nachweis, dass ein Betrieb EHEC-frei sei, könne man durch die Untersuchung einzelner Proben nicht erbringen, sagt Hahne. Der Erreger könne sich in der nächsten Gemüsekiste aus dem gleichen Betrieb verbergen, die man zufällig nicht beprobt habe.

Nach Angaben des Gesundheitsministeriums in Hannover ist die Gesamtzahl der Erkrankungen am Mittwoch binnen eines Tages um 30 Prozent angestiegen. Mittlerweile liege die Zahl der Fälle und Verdachtsfälle bei 344. Verbrauchern wird deshalb weiter davon abgeraten, Gurken, Tomaten und Salat ungekocht zu verzehren. Die Politik verlässt sich dabei auf die Experten des Robert-Koch-Instituts. "Da sitzen die Profis", betont Hahne. "Die machen sich die Entscheidung nicht leicht."

Nichtsdestotrotz beginnt die Branche, sich zu organisieren. Es gehe auch um Schadenersatzansprüche, erklärt Brinker. Derzeit würden rechtliche Schritte geprüft. Bis zu einer halben Million Gurken ernten die Bauern der Gartenbauzentrale in der Hochsaison pro Tag, das entspricht 250 Tonnen. Für das Unternehmen bedeutet die Krise einen Umsatzrückgang von 50 Prozent. Viel schlimmer treffe es aber die Landwirte in den Zulieferbetrieben. Die täglichen Verluste wegen der Umsatzausfälle könnten die Bauern im Rest des Jahres nicht mehr aufholen. Existenzen seien bedroht.

Die Landwirtschaftliche Rentenbank in Frankfurt hat deshalb ein Kreditprogramm aufgelegt, bei dem sich betroffene Bauern Geld zu niedrigen Zinssätzen leihen können. "Was will man damit?", fragt Brinker spöttisch. Er hat nur eine Hoffnung: "Jeder Skandal ist irgendwann vergessen." Aber im Juli ist die Erntehochsaison zu Ende, für viele Bauern könnte es dann zu spät sein.


dapd  

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