07.06.2011, 15:43 Uhr | dapd
Werder/Havel (dapd-lbg). Bei Bernd Raeuber kommen nach wie vor Tomaten auf den Tisch. Und mit demonstrativer Selbstverständlichkeit erklärt er: "Ich esse meine eigenen Tomaten!" Nur könne er sie nicht alle allein essen, schränkt er ein. Raeuber ist Geschäftsführer der Havelia Obst und Gemüse GmbH, einem der größten Tomaten-Produzenten in Brandenburg.
In Wollup nahe der polnischen Grenze sowie in Eiche nordöstlich von Berlin baut das Unternehmen auf acht Hektar in Gewächshäusern Gurken und Tomaten an. Seit April ist Tomaten-Saison. Zwischen 30 und 40 Tonnen ist die tägliche Erntemenge, die unter der Qualitätsmarke "Werder Frucht" frisch auf den Markt kommt. Am Dienstag jedoch wurden 250 Tonnen Tomaten buchstäblich auf den Müll gekippt.
Seit wegen der EHEC-Krise Tomaten, Gurken, Salat und Sprossen unter Generalverdacht stehen, ist der Verkauf dramatisch zurückgegangen. In der vergangenen Woche lag der Absatz von Tomaten auf dem Vertriebshof von "Werder Frucht" im Werderaner Ortsteil Glindow bei Null, wie Petra Lack, Geschäftsführerin der Vermarktungsgesellschaft. Von den sonst täglich 2.000 Kisten gehandelten Gurken würden derzeit nur 30 Prozent abgesetzt. Ähnlich sei es bei Salat.
In den Kühlhäusern des Unternehmens in Glindow, das für etwa 40 märkische Obst- und Gemüseproduzenten Vertriebs- und Vermarktungspartner ist, stapeln sich seit Tagen Tomaten-Kisten bis unter die Decke. "Das türmt sich seit letzter Woche auf. Wir hatten keine Bestellungen mehr", sagt Lack. "Gesperrt" steht auf einem Zettel, der die Ware in den Kisten als nicht mehr verkäuflich markiert, weil sie bereits zu lange gelagert werden. "Irgendwann gibt auch die beste Tomate auf", sagt Lack.
Verantwortungslos findet sie es, dass eine ganze Branche unter Generalverdacht gestellt werde. Dabei stehe gerade in Krisenzeiten das "Werder Frucht"-Gütesiegel für unbedenkliche Qualitätsware. Neben der regelmäßigen Kontrolle der Waren, mit denen auf dem Frucht- und Gemüsehof gehandelt wird, hat das Unternehmen in den vergangenen Tagen zusätzlich freiwillige Proben veranlasst, sagt Tomaten-Produzent Raeuber. "Und wer sich halbwegs auskennt, weiß, dass unsere Gurken und Tomaten gar nicht draußen wachsen können", fügt Lack hinzu. Denn die klimatischen Bedingungen in Deutschland ließen es nicht zu, Tomaten und Gurken von April bis November im Freiland zu ernten.
Die Aroma-, Cherry-, Strauch- und Rispentomaten der "Havelia"-Produktion reifen in Gewächshäusern - "auf Steinwollmatten, gedüngt mit anorganischen Nährstoffen, ohne Mist und Gülle sowie unter hohen hygienischen Standards", wie Raeuber betont. Daher legt "Werder Frucht"-Chefin Lack ihre Hand ins Feuer: "Die Ware, die hier rausgeht, ist in Ordnung."
Das Management und die Informationspolitik der Behörden in der EHEC-Krise nennt Raeuber "nicht nur unfair, sondern ruinös". Tomaten im Wert von 375.000 Euro seien am Dienstag schlichtweg in die Tonne gedrückt worden, beklagt er und bekennt: "Das schlägt ins Kontor. Unsere Gärtner sind total frustriert."
Die Entsorgung der Tomaten ist kein Einzelfall, bestätigt Andreas Jende, Geschäftsführer des Landesverbandes Gartenbau Brandenburg. Unter anderem habe im Orderbruch eine Agrar-Genossenschaft einen Teil ihrer Salat-Ernte vernichten müssen. "Wir sind gegenwärtig dabei, konkrete Zahlen und auch finanzielle Schäden zu ermitteln", sagt Jende.
Auf dem Hof von "Werder Frucht" ist laut Lack wenigstens der Absatz von abgepackten Tomaten stabil. Vor allem Aroma-Tomaten gehen noch. Beim Absatz hat Raeuber einen Unterschied zwischen Verbrauchern aus Brandenburg und Berlin festgestellt: "Die Berliner sind zurückhaltender, die Brandenburger haben mehr Vertrauen in regionale Produkte." Vielleicht habe es geholfen, dass Brandenburgs Agrarminister Jörg Vogelsänger (SPD) auf der Brandenburgischen Landwirtschaftsausstellung am vergangenen Wochenende demonstrativ in eine Tomate gebissen habe.
dapd
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