18.11.2010, 12:02 Uhr | DAPD
Hamburg (dapd-nrd). Gegen 11.00 Uhr am Ostermontag dieses Jahres erreichte den Hamburger Reeder Roland Höger ein Notruf. Der deutsche Kapitän seines Containerschiffs MS "Taipan" informierte ihn darüber, dass der Frachter von somalischen Piraten angegriffen werde - etwa 500 Seemeilen vor der Küste Somalias. Das Gespräch am 5. April endete mit der Ansage, dass sich die Crew in den Sicherheitsraum zurückziehen werde. Dann brach die Verbindung ab - der Beginn der wohl schlimmsten Stunden im Leben der Besatzungsmitglieder. Am Montag beginnt vor dem Landgericht Hamburg nun der Prozess gegen die mutmaßlichen Seeräuber. Den zehn somalischen Staatsbürgern werden Angriff auf den Seeverkehr und erpresserischer Menschenraub vorgeworfen. Die Anklage umfasst 33 Seiten, benennt 22 Zeugen. Das mit Spannung erwartete Verfahren vor der Großen Strafkammer 3 ist zugleich der erste Piratenprozess seit Jahrhunderten in Hamburg.
Mehrere Stunden musste Höger am Ostermontag warten, bis ihn die erlösende Nachricht erreichte, dass es seiner Besatzung gut geht. Die 140 Meter lange "Taipan" der Reederei Komrowski war durch den Anti-Piraten-Einsatz eines Spezialkommandos der niederländischen Fregatte "Tromp" wieder freigekommen, die Piraten nach einem kurzen Schusswechsel noch an Bord festgenommen, fünf Maschinengewehre und zwei Raketenwerfer samt Munition sowie zwei Enterhaken sichergestellt.
Die "Taipan", damals noch unter deutscher Flagge fahrend, war auf dem Weg von Haifa nach Mombasa und geriet vor der Küste Somalias in die Fänge der Seeräuber - in einem Gebiet, das derzeit zu den gefährlichsten der Weltmeere zählt. Die schwer bewaffneten Piraten operierten von einem Mutterschiff im Seegebiet östlich des Horns von Afrika aus, wo sie die "Taipan" unter Gewehrfeuer enterten, wie der Hamburger Oberstaatsanwalt Wilhelm Möllers beschreibt. Die Piraten hätten in der Absicht gehandelt, die Besatzung gefangen zu nehmen und ein Lösegeld für deren Freilassung zu erpressen. Allein die Hamburger Staatsanwaltschaft ermittelt seit Anfang 2009 in insgesamt etwa 60 Verfahren in Sachen Piraterie - viele davon gegen unbekannt.
Weltweit sind nach Angaben des Verbandes Deutscher Reeder (VDR) derzeit etwa 20 Schiffe mit etwa 400 Crewmitgliedern in der Hand von Piraten. Der VDR sieht seit langem Handlungsbedarf und stützt Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU), für den der wirksame Schutz der Handelswege auch eine Aufgabe der deutschen Streitkräfte ist. "Es geht in erster Linie um den Schutz von Menschenleben. Seeleute werden in einem weiten Umkreis vor Somalia tagtäglich von brutalen Überfällen und Geiselnahmen bedroht. Das sind Gewaltverbrechen, vor denen es bis heute noch keinen ausreichenden Schutz gibt", erklärt VDR-Hauptgeschäftsführer Ralf Nagel.
Hinzu kommt, dass nicht alle Containerschiffe mit einem Sicherheitsraum ausgestattet sind, obwohl jeder Frachter laut Höger "mit einigen Bemühungen" entsprechend umgerüstet werden könnte. Für die Besatzung der "Taipan" war der Raum die Rettung. Bis zu einer Woche hätte die 15-köpfige Crew aus Deutschland, Russland, der Ukraine und Sri Lanka problemlos darin ausharren können. Neben der Absetzung eines Notrufs gelang es der Besatzung ferner, aus dem Raum die gesamte Energieversorgung der "Taipan" zu unterbrechen, weil die Piraten zuvor den Kurs des Schiffes geändert hatten. Vergeblich hatten die Seeräuber nach dem Sicherheitsraum gesucht. "Sie haben versucht, viele Türen zu öffnen. Das Schiff hat viele Etagen, viele Flure, viele Türen - das ist verwirrend", sagt Höger, der im Fall einer Verurteilung der zehn Somalier kaum mit einer abschreckenden Wirkung rechnet.
Nach Angaben von Ralf Wiechmann vom Museum für Hamburgische Geschichte lässt sich nur schwer ermitteln, wann es den bislang letzten Seeräuber-Prozess in Hamburg gab. Zurückverfolgen lasse sich jedoch, dass Verfahren gegen Seeräuber um 1600 deutlich abgenommen hätten. Zwischen 1390 und 1600 sollen in der Hansestadt mindestens 533 Freibeuter hingerichtet worden sein. Die letzten Hinrichtungen auf dem Grasbrook, auf dem um 1400 auch der Seeräuber Klaus Störtebeker geköpft wurde, habe es 1624 gegeben, sagt der Historiker.
Seit Anfang Juni sitzen die zehn Somalier in Untersuchungshaft in Hamburg, nachdem das Amtsgericht auf Antrag der Staatsanwaltschaft Haftbefehle gegen die mutmaßlichen "Taipan"-Räuber erlassen hatte. Bei den Verdächtigen handelt es sich um sieben Erwachsene, zwei Heranwachsende und einen Jugendlichen. Der Älteste ist 1962 geboren, der Jüngste etwa 1993. Sie werden von 20 Anwälten vertreten und haben sich bisher nicht zu den Vorwürfen geäußert. Nun droht ihnen in dem laut Möllers "bedeutsamen Verfahren" bei einer Verurteilung bis zu 15 Jahre Haft.
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