20.10.2010, 16:21 Uhr | DDP
Altenburg (dapd-lth). Bei den fünf Männern aus Chemnitz hat der Ausflug nach London Spuren hinterlassen. Unausgeschlafen und verkatert wirkt die Gruppe der Enddreißiger, als sie den Ryanair-Flieger auf dem Altenburger Flugplatz in Richtung Parkplatz verlässt. Zwei komplette Tage hätten sie in der britischen Hauptstadt "Party gemacht", erzählen die Männer. Für das Flugticket hätten sie nur knapp 60 Euro gezahlt. Solche preisgünstigen Wochenendausflüge könnten in der Region um Altenburg allerdings bald der Vergangenheit angehören. Das Land Thüringen hat die Übernahme von Anteilen an dem kleinen Flughafen abgelehnt und zugleich seinen Ausstieg aus der Finanzierung des laufenden Betriebs angekündigt. Nun droht dem Flugplatz, der nur von der irische Billigfluglinie Ryanair angesteuert wird, der Absturz.
Auslöser der Entscheidung ist eine vom Wirtschaftsministerium in Auftrag gegebene Studie, die den Betreibern des Flugplatzes den Abschied vom Billigflieger-Modell empfiehlt. Ansonsten, so die Wirtschaftsprüfer, drohen dem Freistaat auf Jahre hohe Belastungen durch Subventionen. Verkehrsminister Christian Carius (CDU) sieht für den Flugplatz in Altenburg-Nobitz daher keine Zukunft. "Die Flugplatzbetreiber sind an der Grenze ihrer wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit angelangt", sagt Carius. Das Land werde sich deshalb nicht an dem "hoch defizitären Flughafen" beteiligen.
In Altenburg will man den Absturz indes verhindern. Der Landrat von Altenburg und Aufsichtsratschef der Flugplatzgesellschaft, Sieghardt Rydzewski (parteilos), spricht von einem politisch bestellten Gutachten, das den ebenfalls in den roten Zahlen steckenden Flugplatz in Erfurt retten solle. "Statt auf die Effekte für ganz Mitteldeutschland zu schauen, beschränkt sich das Gutachten nur auf wenige Aspekte", sagt Rydzewski unter Verweis auf den Nutzen des Flugplatzes für das Nachbarland Sachsen.
Der Geschäftsführer der Flugplatz Altenburg-Nobitz GmbH, Jürgen Grahmann, bemüht eine Studie, die beim Ausbau des Flughafens in Berlin-Schönefeld von der Verlegung einiger Billigfluglinien an andere Standorte ausgeht. "Berlin wird vielen zu teuer, und die Fluglinien suchen nach Alternativen", sagt Grahmann. Für Altenburg, neben Cochstedt in Sachsen-Anhalt eine mögliche Alternative, könnte das Fluggastaufkommen um 30 bis 50 Prozent steigen. "Das könnte ab 2012 rund 350.000 statt der bisher 140.000 Passagiere bedeuten", schätzt Grahmann.
Von derlei Überlegungen einiger Fluglinien ist dem Betreiber des größten mitteldeutschen Airports in Leipzig/Halle nichts bekannt. "Wir kennen solche Erwägungen nicht. Es dürfte aber unwahrscheinlich sein, dass Geschäftsleute von Berlin nach Altenburg fahren werden", sagt der Sprecher der Mitteldeutschen Flughafen AG, Felix Zimmermann. Zugleich bekräftigt er die ohnehin seit Jahren von den anderen Flughäfen der Region erhobene Forderung nach einer Schließung von Altenburg. "Mit Dresden, Erfurt und Leipzig gibt es bereits drei Flughäfen. Der Verkehrslandeplatz Altenburg ist schlicht überflüssig", sagt Zimmermann.
Dass der Flugplatz dennoch die vergangenen zwei Jahrzehnte überlebt hat, ist in erster Linie den üppigen Zuschüssen seitens des Landes und anderer zum Teil kommunaler Anteilseigner geschuldet. So pumpte allein der Freistaat Thüringen seit 1992 rund 17 Millionen Euro in die Aufrechterhaltung des Betriebs. Anteilseigner wie die örtlichen Stadtwerke stellten zudem das Stammkapital des Unternehmens. "Das waren alles Steuergelder, die zu einer Marktverzerrung geführt haben", sagt Zimmermann vom Flughafen Leipzig, der einst gegenüber Altenburg das Nachsehen bei der Standortentscheidung von Ryanair in Mitteldeutschland hatte.
In Altenburg will man sich indes nicht auf den Flugplatz verzichten. Dazu sammeln die Flugplatzbetreiber Spenden, und eine eigens gegründete Bürgerinitiative kündigt sogar eine Demonstration vor dem Erfurter Landtag an. "Wir werden mit allen Mitteln auf uns aufmerksam machen, um diese Investition in die Region zu holen", sagt der Sprecher der Initiative "Zukunft fürs Altenburger Land", Helge Klein.
Das Aufbegehren könnte jedoch zu spät kommen. So wurde den ersten vier Beschäftigten im Bereich des Bodenpersonals zum Ende dieses Monats gekündigt. Und dass man in Altenburg auf längere Sicht überhaupt mit Europas größtem Low-Cost-Anbieter rechnen darf, muss ebenfalls bezweifelt werden: Im September hatte Ryanair-Chef Michael O'Leary einen Strategiewechsel angekündigt. Danch will die Fluglinie künftig nicht mehr in der Peripherie, sondern direkt in den Metropolen des Landes starten.
dapd
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