08.02.2012, 17:53 Uhr | dapd
Maria Stürzebecher macht einen gelassenen Eindruck, als sie vor sechs ordentlich auf dem Boden aufgereihten Steinblöcken steht. Sensationsfunde aus der Zeit der mittelalterlichen jüdischen Gemeinde können die Wissenschaftlerin mittlerweile nur noch bedingt aus der Reserve locken. Das ist verständlich: Nach der Entdeckung der Alten Synagoge, des jüdischen Schatzes und der Mikwe scheinen die nun bei Abrissarbeiten freigelegten zwanzig Grabsteine, die auf dem Boden des Bauamts aufgereiht liegen, nur mehr wie die Kür der außergewöhnlichen Erfurter Fundgeschichte.
Wie weit die Geschichte der jüdischen Gemeinde in der Landeshauptstadt zurückreicht, zeigt die Inschrift auf dem besterhaltenen Exemplar: "Dieses Zeichen wurde errichtet zu Häupten der Frau Dolze, Tochter des Herrn Asher, die verschied und (zu ihren Vätern) versammelt wurde im Jahr neunzehn des sechsten Jahrhunderts". Eine Datumsangabe des jüdischen Kalenders, die dem Jahr 1259 des gregorianischen Kalenders entspricht. Damit ist das Fundstück der älteste bislang entdeckte jüdische Grabstein in Erfurt.
"Insgesamt haben wir über 20 historische Grabsteine aus der Zeit vor der Vertreibung der Juden aus Erfurt im 15. Jahrhundert gefunden", erklärt der Erfurter Baubeigeordnete Ingo Mlejnek. Komplett erhalten ist allerdings kein einziger der Sandsteine - seit der Schließung des Friedhofs wurden sie als begehrtes Baumaterial verwendet. Entdeckt wurden sie nun bei Abrissarbeiten an einem Haus mit barocken Fundamenten, wo sie, entsprechend zurechtgehauen, als Mauersteine dienten.
Mit den neuen Fundstücken erhöht sich die Zahl der in Erfurt entdeckten historischen jüdischen Grabsteine auf rund 58. "Ich bin froh, dass wir damit einen weiteren Baustein auf dem Weg zur Unesco-Bewerbung dazubekommen haben", sagte Mlejnek. Die Vorbereitungen seien mittlerweile so weit fortgeschritten, dass die Bewerbung Thüringens für den Weltkulturerbestatus wie vorgesehen am 1. August eingereicht werden könne - wenn nötig auch alleine. Die Gespräche mit Rheinland-Pfalz, wo ebenfalls eine Unesco-Bewerbung wegen des jüdischen Erbes im Gespräch ist, seien bislang ergebnislos geblieben. "Das ist Schade, eine Bündelung unsere Kräfte wäre sicher sinnvoll", sagte Mlejnek.
Wichtig sei die Unesco-Adelung unter anderem, um die reiche Geschichte Thüringens bekannter zu machen, sagt Stürzebecher. In welch krassem Missverhältnis die Bekanntheit und die Bedeutung der Erfurter Schätze stehen, habe sie bereits mehrfach erfahren müssen. Besonders einprägsam sei der Besuch von James Robinson, seines Zeichens Kurator im British Museum in London, gewesen. Bei einem Thüringen-Besuch stand auch ein Abstecher in die Landeshauptstadt auf dem Programm. "James war völlig fassungslos, als er die Stadt sah und als Mittelalter-Experte noch nie etwas von Erfurt gehört hatte", erinnert sich Stürzebecher. "Er war nicht dazu zu bewegen, wieder mit nach Weimar zu kommen sondern blieb noch bis spät in die Nacht in Erfurt, um sich alles anzusehen." Es sei traurig, wie unbekannt die Schätze Thüringens in Deutschland und der Welt seien.
Um Relikte wie die Grabsteine adäquat zu präsentieren, soll der Keller des Steinernen Hauses, eines jüdischen Profanbaus aus dem Mittelalter, nun zu einem Schaudepot für Fachbesucher und Führungen umgebaut werden, erklärt Stürzebecher. Ein eigener Museumsbetrieb sei dort jedoch nicht geplant.
Und damit garantiert keine Langeweile aufkommt, haben die Bauhistoriker schon den nächsten Meilenstein im Visier: In den kommenden Jahren könnte die Suche nach der zweiten Synagoge beginnen. Deren möglichen Standort haben die Wissenschaftler schon ausgemacht.
dapd
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