03.06.2011, 15:44 Uhr | dapd
Laasdorf (dapd-lth). Es ist ein ungewöhnliches Bild, das sich am frühen Freitagmorgen vor dem kleinen Verkaufswagen im thüringischen Laasdorf bietet. Menschen mit Einkaufsbeuteln stehen vor den Toren des örtlichen Gemüseproduzenten EGM (Erzeugergroßmarkt Thüringen-Sachsen-Spreewald eG) inmitten der EHEC-Krise Schlange für frisches Gemüse - besonders gefragt sind Tomaten und Gurken. Auf Nachfrage erklären die Kunden, dass sie das Vertrauen in den heimischen Erzeuger an den Stand treibt.
"Man bekommt ja nichts mehr. Und den Betrieb kenne ich seit 20 Jahren und weiß, dass hier alles in Ordnung ist", sagt eine 50-jährige Frau. Andere wiederum nehmen die Sorge um den Erreger erst gar nicht ernst: "Ich habe mehr Angst vor meiner Frau als vor EHEC", witzelt ein Mann.
Auch auf Verkäuferseite herrscht beste Stimmung angesichts des immensen Kundeninteresses. "Den Stand haben wir über Nacht aufgebaut, jetzt rennen uns die Leute regelrecht die Bude ein", sagt eine Verkäuferin.
So entspannt die Atmosphäre vor dem provisorischen Stand auch sein mag, für den Thüringer Genossenschaftsbetrieb EGM in Laasdorf ist der Direktverkauf eine Frage des Überlebens. "Durch EHEC ist uns in den vergangenen Tagen auf einen Schlag die Hälfte unseres Absatzes an den Handel verloren gegangen. Vor allem Supermärkte haben ihre Bestellungen storniert", sagt EGM-Geschäftsführer Wolfram Rink. Nahezu die komplette Produktion von derzeit rund 250 Tonnen Tomaten und Gurken ist deshalb von der Vernichtung bedroht. "Das Gemüse ist reif, und was wir davon nicht schnell verkauft bekommen, muss in den kommenden Tagen vernichtet werden", sagt Rink.
Mit der Idee, Gurken und Tomaten direkt an den Verbraucher zu bringen, versucht die EGM nunmehr zu retten, was von der Ernte noch zu retten ist. Rund 20 mobile Stände sollen dazu in den kommenden Tagen flächendeckend in ganz Thüringen aufgebaut werden.
Das Auftauchen von EHEC und die Warnungen der Behörden vor dem Verzehr von rohem Gemüse traf die Genossenschaft, die mit etwa 30 Erzeugerbetrieben in Sachsen, Thüringen und Brandenburg und rund 1.000 Mitarbeitern einer der größten Gemüseproduzenten in Ostdeutschland ist, zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt. "Das größte Problem daran ist, dass das in die für uns wichtige Frühjahrssaison fällt", sagt Rink. Dabei nutzt es dem Unternehmen auch nichts, dass seine Produkte von einem Labor als zweifelsfrei EHEC-frei erklärt worden sind. "Die Angst vor EHEC ist da, und besonders Tomaten und Gurken, vor denen ja gewarnt wird, verkaufen sich im Handel nicht."
Über eine Ausweitung der provisorischen Verkaufsstände auf Sachsen und Brandenburg denkt die Genossenschaft derzeit noch nach. Dass dafür mehrere zehntausend Euro ausgegeben werden müssen, nimmt Geschäftsführer Rink gelassen. Schließlich drohen der Genossenschaft ohne die Notmaßnahme noch weitaus größere Verluste. "Je nachdem, wie lange das mit EHEC noch geht, können es bis zu zehn Millionen Euro werden", sagt er.
dapd
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