23.02.2012, 13:24 Uhr | dapd
Es war der 9. Oktober 2006. Auf den Computern der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) in Hannover wurden deutliche Ausschläge angezeigt. Für den Laien waren die angezeigten Wellen kaum von denen eines Erdbebens zu unterscheiden. Doch die Geowissenschaftler waren skeptisch, überprüften und griffen schnell zum Mobiltelefon. Per SMS informierten sie nur wenige Minuten später das Auswärtige Amt mit einer brisanten Nachricht: Nordkorea hatte eine Atomwaffe getestet. In dem klotzartigen Bau in Hannovers Stilleweg überwachen 20 Mitarbeiter für die Bundesregierung die Einhaltung des Atomwaffenteststopp-Vertrages.
Auch wenn dieser bislang nicht in Kraft getreten ist, sind die Geophysiker gerade jetzt, wo der Iran offenbar an der Entwicklung von Atomwaffen arbeitet, mit ihrem Fachwissen gefragt. Der Atomwaffenteststopp-Vertrag verbietet allen Staaten der Welt den Test von Nuklearwaffen. Er soll aber auch die weitere Verbreitung von Atomwaffen verhindern und die Entwicklung neuer Atomwaffen in Staaten, die bereits über Atomwaffen verfügen, erschweren. Seit 1996 haben drei Staaten das de facto bestehende Moratorium von Atomwaffentests gebrochen: Indien, Pakistan und Nordkorea. Jedes Mal wurde das in Hannover registriert.
"Auch wenn der Vertrag bislang nicht in Kraft ist, wird das System zur Überwachung mit hohem Aufwand betrieben", erklärt der Geophysiker Gernot Hartmann. An dem Arbeitsplatz des Seismologen stehen vier Bildschirme, auf denen seismische Ereignisse, die von über 320 Messstationen auf dem gesamten Globus gemeldet werden, ausgewertet werden.
Für die Wissenschaftler ist es häufig sehr schwer zu unterscheiden, ob die etwa 100 Ereignisse, die ihnen täglich auf dem Bildschirm angezeigt werden, ein Erdbeben, eine Sprengung oder gar einen Atomwaffentest darstellen. "Atomwaffentests haben aber meist einen charakteristischen Verlauf", sagt Hartmann. Bei Sprengungen im Bergbau kennen die Seismologen auch einige Anhaltspunkte zur Unterscheidung: "Die finden meist von Montag bis Freitag statt", sagt Chef-Observator Thomas Plenefisch. Zudem wissen die Geophysiker sehr genau, wo die Bergwerke sind.
Um ganz sicher zu gehen, werden für mögliche Atomwaffentests vier verschiedene Messmethoden angewandt. Neben den Druckwellen werden auch der Infraschall in der Atmosphäre, hydroakustische Wellen aus den Ozeanen und Radionuklide bestimmt. Letztere konnten auch bei der unterirdischen Explosion in Nordkorea im Jahr 2006 festgestellt werden.
Verdichten sich die Hinweise auf einen geheimen Atomwaffentest, würden theoretisch auch Inspekteure in das entsprechende Land reisen und versuchen, den Test mit Fakten zu belegen. Bei der BGR gibt es zwei Mitarbeiter, die als Inspekteure an Ort und Stelle Tests durchführen könnten. Ohne das Inkrafttreten des Atomwaffenteststopp-Vertrages werden diese Mitarbeiter aber derzeit nur für einen möglichen Einsatz regelmäßig geschult. "Wenn der Vertrag wirksam wird, müssen wir vorbereitet sein", sagt Hartmann.
Atomwaffentests sind allerdings selten. Meist haben es die Geophysiker mit Erdbeben zu tun, die aber auch Fragen aufwerfen. Vor allem dann, wenn sie etwa so stark sind wie in Japan oder der Türkei im vergangenen Jahr. Die Wissenschaftler sind dann auch Ansprechpartner für die Bürger. "Dann stehen die Telefone hier gar nicht mehr still", sagt Plenefisch. Manche fragen auch nur, ob es noch ratsam ist in dem Land Urlaub zu machen. Eine Frage, die auch die Wissenschaftler nicht wirklich beantworten können.
dapd
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