10.02.2012, 17:35 Uhr | dapd
Eng schmiegt sich das knapp vier Wochen alte Affenbaby Nayla an die Schimpansin Vanessa. Die 27-Jährige hat das Jungtier adoptiert und beäugt misstrauisch die vielen Journalisten, die am Freitag in den Osnabrücker Zoo gekommen sind, um Naylas erst jetzt bekannt gewordene rührende Geschichte zu hören. Die von ihrer Mutter nicht angenommene Nayla sei die Protagonistin "eines äußerst seltenen Vorgangs", erläutert Zoo-Direktorin Susanne Klomburg.
Am Morgen des 15. Januar erblickt Nayla als drittes Kind der Schimpansin Vakanga das Licht der Welt. Doch unmittelbar nach der Geburt verläuft alles anders als erwartet: Am Vormittag bemerken Tierpfleger, dass der achtjährige Schimpansen-Junge Kume das Baby mit sich trägt, da Vakanga ihr Kind verstoßen hat. Sie habe kein Interesse an dem Baby gezeigt, auch als Kume das Jungtier an ihr vorbei getragen habe, sagt Revierleiter Wolfgang Festl.
"Wir haben abgewartet, wie sich die Situation entwickelt", fügt der Tierpfleger hinzu. Kume habe sich rührend um das Baby gekümmert und es geputzt und gewärmt. Zudem könne ein Affenbaby mehrere Tage ohne Muttermilch überleben. Die Zoo-Mitarbeiter entschließen sich daher, weiter still zu halten, da sie Nayla nicht von Hand aufziehen wollten.
Bei Primaten werde das ungern gemacht, erläutert Klomburg. Die Affen sollten in der Gruppe aufwachsen, damit sie das Sozialverhalten "von der Pike auf" lernten. Schimpansen, die von Menschen aufgezogen würden, fänden nicht in eine Gruppe, weil sie "nie gelernt haben, Affen zu sein", sagt Klomburg.
Am Tag nach der Geburt beschließen die Tierpfleger, Nayla mit Muttermilch aus dem Osnabrücker Kinderhospital zu versorgen. Die stammte von einer Frau, die ein totes Kind entbunden hatte, wie Revierleiter Festl erzählt. Es sei offensichtlich gewesen, dass das Baby Hunger hatte, da es an Kumes Brust saugen wollte.
Daraufhin legen die Pfleger mehrere Flaschen in den Käfig. Um Kume zu zeigen, wie man daraus trinkt und andere füttert, führten sie es ihm vor. In einem mehrwöchigen Training hätten wir ihm das auch beibringen können, sagt Festl. Doch Kume legt das Baby zuvor ab. Nun können die Tierpfleger selbst die hungrige Nayla endlich füttern. "Sie hat sofort 40 Milliliter Milch getrunken", berichtet Festl. Das Jungtier sei ihnen "kräftig und willensstark" vorgekommen.
In der Hoffnung, dass die Schimpansen-Dame Vanessa die kleine Nayla annimmt, führen die Pfleger die beiden Tiere kurz darauf in einem Käfig zusammen. Und die Taktik geht auf: "Es erschien uns, als sei es für sie das Normalste der Welt", sagt Festl. Allerdings habe Vanessas Tochter, die zweijährige Lila, äußerst eifersüchtig auf ihre neue Schwester reagiert. "Sie hockte stundenlang in einer Ecke und hat an die Wand gestarrt." Etwas später habe er dann beobachtet, wie Lila und Nayla einträchtig an Vanessas Brust saßen und von ihr gesäugt wurden. Affenmütter stillen ihre Kinder lange.
"Wir sehen, dass Nayla immer kräftiger wird", sagt Festl. Er sei zuversichtlich, dass das kleine Affen-Mädchen das Drama gut überstanden habe. Dass ein pubertierender männlicher Affen-Junge sich eines Babys annehme, sei schon "einmalig". Auch in der Literatur gebe es keine Beispiele dafür.
Früher sei es in Zoos die Regel gewesen, dass Schimpansenbabys nicht adoptiert wurden. Sie seien aus der freien Wildbahn gekommen und hätten die Situation nicht gekannt, sagt Klomburg. "Heute haben die Schimpansen von den anderen Mitgliedern der Gruppe gelernt, wie sie Babys aufziehen können." Die Übernahme Naylas durch Schimpansin Vanessa sei die erste Adoption bei den Primaten im Osnabrücker Zoo.
Warum Vakanga ihre Tochter nicht angenommen hat, bleibt Spekulation. Er glaube, es habe sich - wie bei menschlichen Müttern - um eine postnatale Depression gehandelt, sagt Festl.
dapd
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