12.01.2011, 15:30 Uhr | DAPD
Frauenwald (dapd-lth). Wenn Mario Nöckel im Thüringer Wald mit der Futterkarre vorfährt, eilt das erste Rotwild gleich herbei. "Kastanien sind für Wildtiere wie Leckerli", schmunzelt der grün gekleidete Wildbeobachter vom Förderverein Biosphärenreservat Vessertal-Thüringer Wald in Frauenwald. Unter seinen Füßen hält sich immer noch eine zentimeterdicke Schneeschicht. Das Gestrüpp in der Umgebung ist schon stellenweise kahl gefressen. Nöckel kippt jetzt kiloweise Kastanien, Rüben und Heu auf den gefroren Boden. Mit wenigen Bissen hat das Rudel aus 60 frei lebenden Rotwildtieren die Tagesration verputzt. Für die Tiere scheint Nöckel im harten Winter wie ein Retter zu sein.
Bereits seit Wochen gilt in fast allen Landesteilen von Thüringen die Notzeit. Daran haben die zuletzt gestiegenen Temperaturen nur wenig geändert. Besonders in den hohen Lagen fehlt Rotwild, Rehen und Damhirschen die Nahrung. Jagdbehörden und Forstämter wurden verpflichtet, die Tiere zusätzlich zu füttern. Ein Jagdverbot wurde verhängt. Doch die vermeintliche Tierliebe treibt ausgerechnet Naturschützer auf die Barrikaden.
Burkhard Vogel, thüringischer Landesgeschäftsführer des Bundes für Umwelt und Naturschutz (BUND), wirft Jägern und Förstern einen massiven Eingriff in das Ökosystem vor. "Natürlich leiden die Tiere im Winter, und sie werden auch sterben", sagt er. "Aber die Witterung gehört zu den Standards der Regulation." Die Fütterung sei eine Art falsch verstandener "Tierromantik" und setze die natürliche Verjüngung im Wald außer Kraft. Thüringen sei bereits von Wildtieren "überbevölkert". Ob die Fütterung weitere Verbissschäden verhindere ? wie häufig von Jägern argumentiert -, sei fraglich, sagt er.
Tatsächlich verursachen Wildtiere allein im Thüringer Staatsforst pro Jahr einen Schaden von rund acht Millionen Euro. Forstminister Jürgen Reinholz (CDU) hatte im Dezember angekündigt, die Jagd deshalb wieder ausweiten zu wollen. Abgesehen davon stellt das Land für die Wildfütterung und Pflege der Wildäcker den Thüringer Forstämtern allein für die staatlichen Flächen jährlich 233.000 Euro zur Verfügung. Naturschützer Vogel vermutet hinter der Wildtierfütterung "jagddienliche Interessen". Über andere Tierarten mache sich im Winter niemand Sorgen, kritisiert er und fügt an: "Warum werden Mauswiesel und Vögel nicht gefüttert?"
Der Landesjagdverband hält dagegen und spricht von "üblichen Vorurteilen". Bei dem Thema redet sich Verbandspräsident Steffen Liebig förmlich in Rage. "Es ist schlichtweg falsch, dass der Jäger die Tiere extra für größere Trophäen züchtet", sagt Liebig, dessen Zunge sich beim Reden fast überschlägt. "Wir können das Wild nicht verrecken lassen." Für die Baumschäden müsse der Jäger in seiner Pacht selbst aufkommen. Um dies zu verhindern, sei die Fütterung nötig.
Unterdessen freut sich Wildbeobachter Nöckel über den Anblick des Rotwildrudels. Über Jahre hat er ein Vertrauensverhältnis zu seinen Tieren aufgebaut. "Sind denn überhaupt alle da?", fragt er sich im Hochstand, während er die Brille putzt. Er zählt kurz durch. Kein Tier fehlt, es gibt keine Verletzten oder Kranken. Nöckel ist beruhigt: "Hier sind sie sicher." In seinen Führungen erklärt er den Touristen immer wieder, wie wichtig die Ruhezeit und das Futter für Tiere im Winter sind. Doch auch Nöckels Tierliebe ist nicht endlos. Im Herbst geht er gelegentlich selbst auf Jagd, in einem anderen Bezirk.
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