30.08.2011, 15:07 Uhr | dapd
Barleben (dapd-lsa). "Es ist das erste Mal, das ich all das hier erzähle", sagt Laszlo Ungvári und es ist schlagartig still im Klassenzimmer 049 des Internationalen Gymnasiums Pierre Trudeau in Barleben in Sachsen-Anhalt. "Und es ist wahrscheinlich auch das letzte Mal", fügt er nach einem Moment hinzu. Der ungarische Holocaust-Überlebende ist dort hin gekommen, um nach mehr als 60 Jahren erstmals das Grab seines Vaters auf dem jüdischen Friedhof in Hillersleben zu besuchen und in der Schule über seine Deportation zu berichten.
"Ich war damals gerade sechs Jahre alt", beginnt der 74-Jährige und wirft ein Bild von einem keck in die Kamera guckenden Junge an die Leinwand. Zusammen mit seinen Eltern und Großeltern sei er in seinem Heimatort Szolnok erst in ein Getto gesperrt und später in das Konzentrationslager Bergen-Belsen deportiert worden. "Aus heutiger Sicht kann ich mir nicht mehr erklären, wie wir das überleben konnten", sagt er sehr gefasst.
Sein junges Alter habe ihn damals davor bewahrt, psychische Probleme zu bekommen. Wenn er gefragt habe, wo er sei, hätten ihm die Älteren immer erzählt, er sei in der Nähe des Meeres. "Das war aufregend für mich, da ich noch nie im Leben das Meer gesehen hatte", sagt er. "Ich stellte mir immer vor, es ist da direkt hinter den Bäumen." Einmal habe er dann jedoch beobachtet, wie die Wächter Dutzende Leichen aus einer Baracke auf einen Lastwagen luden, sagt er.
Ein paar der gespannt zuhörenden Schüler waren im Frühjahr im Rahmen eines Schulprojekts in der Gedenkstätte in Bergen-Belsen. Aber was dort wirklich passiert ist, begreife man erst, wenn man es aus dem Mund von jemanden höre, der dabei gewesen ist, sagt der 16-jährige Alexander Stephany in einer Pause. Das sei eine einzigartige Chance. "Bald gibt es keine Zeitzeugen mehr", sagt er. An der Geschichte Ungváris fasziniere ihn vor allem der regionale Bezug.
Als britische Truppen im April 1945 zu dem Lager vorrückten, versuchten die Nazis, die Häftlinge in Güterwaggons in andere Lager zu deportieren. Der Zug, in dem sich Ungvári und seine Familie befanden, wurde in Farsleben, nur wenige Kilometer von Barleben entfernt, auf offener Strecke stehen gelassen.
Ungváris Großmutter war bereits in Bergen-Belsen gestorben. Mit seinen Eltern und seinem Großvater wurde er schließlich von amerikanischen Einheiten aus dem Zug befreit und in eine Kaserne bei Hillersleben gebracht.
Die Überlebenden waren ausgehungert und oft schwer krank. In den letzten Tagen in Bergen-Belsen und im Zug hatte es praktisch keine Nahrung mehr gegeben und die hygienischen Bedingungen waren miserabel. Ungváris Vater starb eine Woche nach der Befreiung an Typhus. Er selber habe nur überlebt, weil seine Familie, immer wenn es Essen gab, ihm die ersten neun Löffel reichten, bevor sie selber zu essen begannen, sagt Ungvári und es ist ihm anzumerken, dass ihm die Erinnerung daran nicht leicht fällt. "Deshalb kann ich heute hier stehen und davon berichten", sagt er.
Ungváris Vater wurde auf einem hinter der Kaserne angelegten Friedhof begraben. Als die Russen die Kaserne übernahmen, errichteten sie auf dem Friedhof einen Sportplatz. 1975 war Ungvari schon einmal nach Deutschland gekommen, um das Grab zu besuchen, konnte es deshalb jedoch nicht finden. Erst 1997 wurde die Grabanlage wieder rekonstruiert. "Es ist ein schöner Ort geworden", sagt Ungvari. Und es sei gut zu wissen, dass das er in guten Händen ist.
dapd
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