07.02.2011, 10:41 Uhr | dapd
Böblingen (dapd-bwb). Ein junger Mann betrachtet den alten Bentley von allen Seiten. "Am liebsten würde ich die Motorhaube öffnen und reinschauen", sagt Mike schließlich. Der Auto-Fan, der extra aus seiner Heimatstadt Marbach angereist ist, um sich im Meilenwerk Stuttgart die Oldtimer anzuschauen, ist nicht nur von dem Fahrzeug beeindruckt. "Am besten gefällt mir, dass man sich den Autos nähern kann, ohne von einer Absperrung behindert zu werden", sagt der 23-jährige Student.
Das ist Teil des Meilenwerk-Konzepts, zwanglos soll es zugehen. Neben Oldtimern, die von Händlern gezeigt und angeboten werden, gibt es auch spezielle Werkstätten, Restaurants und Ausstattungsläden. Das Ende 2009 eröffnete Meilenwerk Stuttgart im früheren Landesflughafen in Böblingen ist die größte Ausstellung ihrer Art in Deutschland. In Berlin, Düsseldorf gibt es ebenfalls solche Treffpunkte für Bewunderer alter Autotechnik.
Das Besondere ist, dass der Besucher sich den Porsche 911 von 1963 oder den alten Alfa-Romeo nicht kaufen muss, wenn er das Meilenwerk besucht, aber er könnte. Aus Sicht der Stadt ist das Forum ein guter Werbeträger. "Das Meilenwerk ist eine Attraktion mit überregionalem Charakter und Ausstrahlung", sagte der Böblinger Oberbürgermeister Wolfgang Lützner (CDU).
Doch es geht nicht nur um die Attraktion. Autobesitzer können ihre Schätze in den Werkstätten reparieren oder polieren lassen. Daneben bietet das "V8-Hotel" unter anderem ausgefallene Themenzimmer, bei denen sich alles ums Auto dreht. Ein Hotelzimmer ist zum Beispiel als Waschstraße inklusive Mercedes und Ganzkörper-Fön im Bad gestaltet, ein anderes Zimmer als Werkstatt-Imitat, indem neben einem Motorblock auch eine Werkbank in Reichweite des Betts steht.
Bislang gibt es in der deutschen Sprache kein passendes Wort für diese Ansammlung von Oldtimern, Restaurants, Werkstätten und Händler. Für ein Einkaufszentrum wirkt das Meilenwerk zu museal. Doch für ein Museum gibt es auf dem früheren Landesflughafen Württemberg in Böblingen zu viele Händler.
"Das Meilenwerk ist kein Museum", betont Geschäftsführer Martin Halder, Erfinder des Meilenwerks. "Das Besondere ist die Durchlässigkeit der verschiedenen Bereiche." Das gelte beispielsweise auch für die Werkstätten, die nur durch Glasfronten von den Besuchern getrennt sind. "Hier kann man den Mechaniker fluchen hören", sagt Halder.
Der 41 Jahre alte Wirtschaftsingenieur besitzt fünf Oldtimer und er arbeitet im fraktionsübergreifenden Parlamentskreis "Automobiles Kulturgut" des Bundestags mit. Er und sein Team haben das Meilenwerk-Konzept erstellt und schließlich mit der Hilfe von Investoren realisiert. Die Flächen der Standorte in Berlin, Düsseldorf und Böblingen wurden an die verschiedenen Unternehmen vermietet. In Zürich entsteht ebenfalls ein Meilenwerk.
Old- und Youngtimer seien überall akzeptiert und die Leidenschaft für diese Zeugen technischer Evolution pflanze sich von Generation zu Generation fort, ist Halder überzeugt: "Wenn sie einen neuen Mercedes in Berlin Kreuzberg abstellen, dann haben sie nach ein paar Tagen einen Kratzer im Lack. Bei einem Oldtimer passiert ihnen das nicht einmal dort."
Zudem ist das Geschäft mit Oldtimern lukrativ. In Europa liege das Marktvolumen Halder zufolge zwischen 24 und 25 Milliarden Euro im Jahr. Allein in Deutschland werden Autos, Ersatzteile und entsprechende Lifestyle-Produkte für sieben bis acht Milliarden Euro umgesetzt.
Das sind Zahlen, die auch Händler nicht kalt lassen, wie etwa Axel Beckert. Der Geschäftsführer des Stuttgarter Autohändlers Merz Pabst verkauft im Meilenwerk unter anderem Wagen der Marken Lotus und Wiesmann. "Viele der Besucher, die im Meilenwerk auf Entdeckungstour gehen, kommen auch zu uns", berichtet er. Anders als im Verkaufsraum in der Stuttgarter Alexanderstraße kämen eben nicht nur Kunden, die gezielt die von Merz Pabst vertriebenen Automarken suchten, sondern auch andere mögliche Käufer.
dapd
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