13.02.2012, 14:11 Uhr | dapd
Angesprochen auf Fernsehserien wie "Medicopter 117" oder "Die Bergretter" zieht Thomas Reimer nur eine Augenbraue hoch und grinst. Sekundenlang verharrt der Rettungspilot, überlegt sich seine Antwort genau. Dann sagt er: "Ich habe beim 'Medicopter' mal gesehen, wie die Crew einen Jungen hochdramatisch aus einem Brunnen gerettet hat - aus der Luft, mit einer Seilwinde." Beim Gedanken an diese Szene kann sich auch Notarzt Hendrik Kühne ein Lachen nicht verkneifen. "Wir wären einfach gelandet und hätten mit sicherem Boden unter den Füßen ein Seil runtergelassen", schließt Reimer süffisant.
Der 47-Jährige ist Stationsleiter für den Rettungshelikopter "Christoph Berlin" der DRF Luftrettung, der auf dem Dach des Unfallkrankenhauses Berlin (UKB) in Marzahn stationiert ist. Seine Crew hebt ab, wenn in Berlin und Brandenburg schwere Unfälle passieren oder Intensivpatienten schnell in eine andere Klinik verlegt werden müssen. 989 Einsätze kamen so im vergangenen Jahr zusammen, 90 mehr als im Vorjahr. Der 10.000ste Einsatz aus insgesamt 19 Jahren seit Bestehen der Station war ebenfalls darunter.
Auch an diesem eisigen Wintertag geht es für Pilot, Notarzt und Rettungsassistent wieder in die Luft: Eine Seniorin muss von Frankfurt (Oder) in eine Spezialklinik nach Treuenbrietzen verlegt werden. An der Lunge der 89-Jährigen hat sich ein großer Bluterguss gebildet, der ihr die Luft zum Atmen nimmt. Der Rettungsflug ist der erste Helikopterflug ihres Lebens. Entsprechend aufgeregt liegt die Frau in ihrem Bett, angeschlossen an Kabel und piepende Gerätschaften.
Konzentriert tauscht Notarzt Oliver Müller erst mit dem Stationsarzt einige Sätze aus, dann wendet sich der stattliche Mann lächelnd seiner Patientin zu. "Das kriegen wir schon hin, so ein Schlauch in der Lunge ist ja auch wirklich unschön", sagt er und streichelt der Frau kurz über den Unterarm. Derweil legt ihr Rettungsassistent Danny Jonik noch eine weitere blaue, flauschige Decke über. Rasch normalisiert sich die Atemfrequenz der Patientin wieder. Als die Männer mit den breiten Schultern sie auf die Trage hieven, lächelt sie sogar. Mit keuchendem Atem scherzt sie: "Luftrettung, das passt ja!".
Nur selten sind die Einsätze der Crew so reißerisch wie im TV. "Wir haben sehr viele Fälle, da können sich Menschen zuhause nicht mehr versorgen, aber niemand fühlt sich verantwortlich", sagt Notarzt Kühne. Das sei zwar wenig spektakulär, "aber es ist die leise, grausame Realität". Erst vor wenigen Tagen habe sein Team einen einsamen Mann aus dessen ausgekühlter Wohnung gerettet. Seine Körpertemperatur lag bei 28 Grad Celsius. Jetzt liegt der Patient auf einer Intensivstation - ob er überlebt, ist ungewiss.
Etwa jeder vierte Alarm geht nachts ein. Als einziger Hubschrauber in der Region rückt "Christoph Berlin" rund um die Uhr aus und ist neuerdings auch mit hochmodernen Nachtsichtbrillen ausgestattet. "Die verschaffen uns einen enormen Sicherheitsgewinn, da wir auch nachts die Landeumgebung genau sehen können", freut sich Pilot Reimers. Jede seiner Schichten dauert zwölf Stunden. Wenn der Alarm klingelt, haben er und seine Kollegen exakt zwei Minuten Zeit, in voller Montur zur Maschine zu hetzen. "Wenn ich ins Bett gehe, lege ich das Alarmtelefon weit weg, damit ich beim Hinrennen wach werde", sagt Reimers, der wie seine sieben Pilotenkollegen abwechselnd eine Woche zuhause und eine Woche auf der Station lebt. Das medizinische Personal wird vom UKB gestellt und wechselt täglich.
Platz für Privatleben bleibt da kaum - bis auf eine Ausnahme haben hier alle schon eine Scheidung hinter sich. Den eigenen Traumberuf deswegen aufzugeben, ist für die Männer keine Option. "Wenn ich drei Wochen Urlaub habe, sind das schon vier Tage zu lang", sagt Reimer, während er verklärt seinen Hubschrauber des Typs EC 145 betrachtet. Er und seine Kollegen nennen die rot-weiße Maschine liebevoll "die Hubschrauberin" - weil sie "manchmal etwas zickig ist".
So begeistert wie Reimer ist nicht jeder von der Rettungsfliegerei. Als "Christoph Berlin" vor gut drei Jahren vom ehemaligen Flughafen Tempelhof zum UKB verlegt wurde, fürchteten Anwohner im angrenzenden Biesdorf Lärmbelästigungen und zogen vor Gericht. Vor einigen Wochen fiel das Urteil: Das Unfallkrankenhaus wurde verpflichtet, vier Klägern den Einbau von Schallschutzfenstern zu bezahlen. Auch solche Kapriolen passen nicht in die Welt der Fernsehserien.
Doch in einem Punkt sieht selbst die heroische TV-Welt im Vergleich zur Realität mächtig alt aus - beim Blick aus dem Fenster. "Schade, dass Sie das nicht sehen können", sagt Notarzt Müller zu seiner bettlägerigen Patientin. Draußen geht gerade die Sonne unter und taucht den Horizont in alle Regenbogenfarben. In der Ferne ist der erleuchtete Fernsehturm zu sehen. Das sind Momente, die Reimer nicht missen möchte: "Berlin von oben ist einfach granatenbeeindruckend."
dapd
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