29.08.2011, 14:37 Uhr | dapd
Bremen (dapd-nrd). Olivia ist ein "Drachenkind". Sie feiert Weihnachten und das chinesische Neujahrsfest, sie isst Christstollen und chinesischen Mondkuchen. Dass die Dreijährige mit zwei Sprachen und Kulturen aufwächst, ist für die Eltern Muoi und Clemens Austen wichtig. Deshalb gründeten sie in Bremen mit "Drachenkinder" die erste deutsch-chinesische Kindertagesstätte in Norddeutschland, die Mitte August eröffnet wurde. "Damit wollen wir nicht nur ein familiäres Problem lösen, sondern einen gesellschaftlichen Beitrag leisten", betont Clemens Austen. Viele Eltern hätten Interesse an interkulturellem Austausch.
"Mehrsprachig aufzuwachsen ist das beste Geschenk, das Eltern ihrem Kind machen können", bestätigt Ya Lu-Friedel. Die 37-Jährige, die wie Muoi Austen aus einer chinesischen Familie stammt und mit einem deutschen Mann verheiratet ist, begleitet ihren Sohn in den ersten Tagen in der Kita. Zufrieden kaut der knapp zwei Jahre alte Yanick-Tianya beim gemeinsamen Frühstück in der Krabbelgruppe an dem mitgebrachten Brot. "Ich spreche zwar zu Hause mit ihm Chinesisch, aber es ist wichtig, dass er mit anderen Kindern zusammen ist, die die Sprache auch sprechen", sagt seine Mutter. Dass es für dieselbe Sache zwei Wörter gebe, wisse er schon. "Wenn er beispielsweise eine Kuh sieht, sagt er erst "Niu" auf Chinesisch und dann "Kuh" auf Deutsch, erzählt Lu-Friedel.
Die unter dreijährigen "Drachenkinder" gehen in die Krabbelgruppe, die drei- bis sechsjährigen Mädchen und Jungen in die Kindergartengruppe. Jede Gruppe wird nach Angaben von Initiatorin Muoi Austen von mindestens einer deutschsprachigen Erzieherin und einer chinesischsprachigen Kraft betreut. Insgesamt seien 20 Kinder angemeldet. Sie hätten chinesische, deutsche oder deutsch-chinesische Eltern. "Wir haben aber auch eine iranische und eine vietnamesische Familie bei uns", erklärt Clemens Austen. Beide Elternpaare wollten ihren Kindern zeigen, "du bist nicht allein, es gibt viele Kinder, die sich mit verschiedenen Sprachen und Kulturen rumschlagen müssen", erläutert der 43-Jährige ihre Entscheidung für die Kita in der Bremer Überseestadt.
Die vom Bremer Amt für soziale Dienste geförderte Einrichtung ist aus einem bilingualen Spielkreis entstanden. "Als Olivia neun Monate alt war, haben wir vorzugsweise nach einer deutsch-chinesischen Krabbelgruppe gesucht - jedoch vergeblich", erzählt Muoi Austen rückblickend von den Anfängen. "Da dachten wir, wir machen selbst etwas und haben entsprechende Aushänge in Asia-Läden und an der Uni gemacht." So seien schließlich fünf Familien zusammengekommen, die sich regelmäßig trafen. Aus dem Spielkreis wurden jetzt die "Drachenkinder".
Das jüngste "Drachenkind" ist der zehn Monate alte Hugo. "Wir sind bei der Suche nach einem Krippenplatz zufällig auf die zweisprachige Initiative gestoßen", sagt seine Mutter Maren Allnoch. "Ich fand das Konzept interessant." Allnoch möchte ihrem Sohn "eine Offenheit gegenüber anderen Nationen und Kulturen mit auf den Weg geben". Dreimal in der Woche kommt in der Kita deutsches Essen auf den Tisch, an den anderen beiden Tagen stehen chinesische Gerichte wie Chop Suey auf dem Speiseplan. Gefeiert wird sowohl das Mondfest als auch Weihnachten. Deutsch-chinesische Kitas gibt es nach Angaben von Clemens Austen noch in Berlin, Leipzig und München.
"Solche Initiativen kann man nur begrüßen", sagt Carsten Krause, Direktor des Konfuzius-Instituts an der Uni Hamburg. Dass im kommenden Jahr in Hamburg eine weitere bilinguale Einrichtung eröffnet werden soll, bestätige den Trend, wonach Eltern weltweit immer mehr Wert darauf legten, dass ihre Kinder Chinesisch lernen, erläutert Krause. Das habe sicherlich auch mit der wirtschaftlichen Rolle Chinas zu tun. Er glaube jedoch nicht, das Chinesisch das Englische ablösen werde.
Das frühkindliche Potenzial für Mehrsprachigkeit zu fördern sowie den Aufbau interkultureller Kompetenz zu unterstützen, ist nach Erfahrung von Clemens Austen für den überwiegenden Teil der Eltern ausschlaggebend, die ihren Nachwuchs bei den "Drachenkindern" angemeldet haben. "Ich glaube, dass es zu mehr Glück führen kann, wenn man solche Dinge beherrscht", betont der 43-Jährige.
dapd
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