23.02.2012, 15:05 Uhr | dapd
Die Worte der Bundeskanzlerin tönen durch den kleinen Kiosk am Ende der Keupstraße in Köln. Die Morde seien eine "Schande für unser Land" erklärt Angela Merkel am Donnerstag in der live übertragenen Gedenkfeier für die Opfer der rechtsextremistischen Terrorgruppe "Nationalsozialistischer Untergrund" (NSU). Mitat Özdemir sitzt vor einem kleinen Fernseher hinter dem Tresen und schaut sich die Übertragung aus dem Berliner Konzerthaus an.
Der 64-Jährige war 1966 aus der Türkei nach Deutschland gekommen, studierte Maschinenbau und ließ sich später mit einem Geschäft am Ende der Keupstraße nieder. Heute ist er Vorsitzender der Interessengemeinschaft Keupstraße, die sich nach dem Bombenanschlag vom 9. Juni 2004 gegründet hat. Das Attentat soll auf das Konto der NSU gehen. Lange ermittelte die Polizei jedoch gegen die Anwohner der Straße, die Rede war von Mafia-Verstrickungen und Milieu-Kriminalität.
22 Menschen wurden bei dem Anschlag verletzt. "Wir waren Opfer, aber wir wurden beschuldigt", sagt Özdemir. Immer wieder seien Polizisten gekommen und hätten die Leute zu Verhören mitgenommen. Vor allem die Familie eines Friseurs stand im Verdacht. Vor dem Laden war die Bombe detoniert. "Ich kenne die Familie und konnte mir nicht vorstellen, dass da Mafia-Verbindungen existieren", sagt Özdemir.
Die Leute seien bis heute verunsichert. Viele verdächtigten die Polizei, die Terroristen gedeckt zu haben, sagt Özdemir. Vor drei Wochen habe seine Interessengemeinschaft eine Menschenkette organisiert. Statt Tausenden seien nur etwa 200 in die von Migranten geprägte Gegend gekommen.
Der Ruf der Keupstraße sei dahin, erklärt Özdemir. Kürzlich habe ihm eine ältere "deutsche Dame" gesagt, dass sie sich nicht mehr traue, dort spazieren zu gehen. Dabei ist die Straße eigentlich nicht heruntergekommen. "Hier finden Sie keine Ein-Euro-Läden", sagt der 64-Jährige.
Die Gedenkfeier in Berlin sei nicht mehr als ein "ferner Donnerschlag", der hier kaum wahrgenommen werde, sagt Özdemir. Selbst die bundesweite Schweigeminute registriert in der Keupstraße kaum jemand. Orientalische Musik dröhnt aus einer Gaststätte, Autos drängeln sich durch die schmale Straße. Ein Passant hat nicht einmal von dem Anschlag gehört, er ist erst vor drei Jahren hierher gezogen, wie er sagt.
Die wenigsten wüssten überhaupt von der Gedenkfeier und der Schweigeminute, erklärt Özdemir. "Da sind alle in der Verantwortung, Politik und Medien", sagt er. Politiker sollten vorbeikommen und sich zu der Straße bekennen, es sollte regelmäßige Aktionen geben, findet er. An jedem 9. Juni soll es in Zukunft eine Feier geben, um an den Anschlag zu erinnern.
Auch in der Dortmunder Nordstadt - einem weiteren mutmaßlichen Tatort der NSU - ist die Resonanz auf die Schweigeminute eher gering. Einige Passanten werfen eher beiläufig einen Blick in die Fenster des ehemaligen Kiosks, in dem im April 2006 der türkischstämmige Mehmet Kubasik vermutlich von den Tätern der NSU erschossen wurde. Aristoteles Argiropulos ist einer der wenigen, die am Donnerstag zum früheren Tatort kommen und dort trauern.
Eine Stunde vor der Tat sei er noch an dem Kiosk vorbei gekommen, habe Kubasik gegrüßt, als dieser gerade Ware für seinen Laden bekommen habe, erzählt der 72-Jährige. "Wäre ich etwas später hergekommen, vielleicht hätte ich es verhindern können", sagt er und schaut immer wieder in die Räume des ehemaligen Kiosks.
dapd
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