07.02.2011, 15:50 Uhr | dapd
Erfurt (dapd-lth). Naturschützer Mike Jessat zeichnet ein drastisches Bild: "Die Rote Liste gefährdeter Arten in Thüringen wird immer länger", sagt der Landesvorsitzende des Naturschutzbunds Deutschland (NABU). Jede zweite Vogelart müsse um ihr Fortbestehen bangen. Ähnlich sei die Lage bei Säugetieren wie Fledermaus oder Luchs.
Von den Amphibienarten wie Kröten oder Fröschen seien heute sogar zwei Drittel in Gefahr. Für die Misere macht Jessat die Landespolitik und den fortschreitenden Raubbau an der Natur verantwortlich. Die Regierung müsse den Raubbau an der Natur schnellstens eindämmen, fordert er.
In Thüringen steht ein einzigartiger Reichtum an Tier- und Pfanzenarten auf dem Spiel. Etwa 55.000 verschiedene Arten sollen laut Expertenschätzungen hier leben. Damit ist der Freistaat eines der artenreichsten Bundesländer - bei gerade mal 4,5 Prozent Flächenanteil an der gesamten Bundesrepublik. Zwei Drittel der deutschlandweit verbreiteten Arten finden sich auch im Freistaat wieder.
Einzelne Tierarten gibt es vermutlich sogar nur noch in Thüringen. Dazu zählt etwa die Fledermausart Kleine Hufeisennase, die wegen ihrer akuten Gefährdung an der Waldschlösschenbrücke in Dresden kurzerhand für einen Baustopp sorgte. Die Zierliche Tellerschnecke und der Waldfeuchtrasen-Graskleinfalter sind schon ausgestorben.
"Die Grünflächen werden übernutzt", schimpft Jessat. Offene Auen, wo sonst 500 Arten auf kleinstem Raum gelebt hätten, seien in den vergangenen Jahren fast komplett durch Felder ersetzt worden. "Sumpfvogel, Bekassine, Libellen - alles weg", schüttelt Jessat resigniert den Kopf. Auf den heutigen Ackerflächen werde alles "totgespritzt". Das Rebhuhn, einst das meist verbreitete Ackerhuhn im Freistaat, sei vertrieben worden. Und im Wald sei aus Vielfalt längst eine Monokultur aus Fichten geworden - zugunsten der Forstlobby. Jessat sagt: "Biologische Vielfalt gibt es nur noch in Naturschutzgebieten."
Der NABU dringt nun auf eine zügige Umsetzung des Koalitionsvertrages. Darin hatten CDU und SPD erklärt, 25.000 Hektar oder fünf Prozent der gesamten Waldfläche aus der wirtschaftlichen Nutzung herauszunehmen. Alles andere sei "nur Makulatur", sagt Jessat. Bislang sind 9.000 Hektar, darunter der Nationalpark Hainich, vor Eingriffen geschützt. Die Regierung agiere "zu zaghaft". Der Schalter müsse schnellstmöglich umgelegt werden, macht Jessat Druck. Erfolge seien erst 100 Jahre später zu erkennen.
Auch die Grünen sind alarmiert. "Die Landesregierung spielt auf Zeit", vermutet Grünen-Umweltexperte Frank Augsten. Dabei dürfe keine weitere Tier- oder Pflanzenart verschwinden. Landesweit würden immer mehr Siedlungen entstehen, das Verkehrsaufkommen nehme zu. Er forderte konkrete Strategien für die landesweit 212 Fauna-Flora-Habitat-Schutzgebiete und mehr Biotopverbunde. Der Straßenbau dürfe keine weiteren Lebensräume zerschneiden.
Das Umweltministerium weist die Vorwürfe von sich. "Wir stellen uns der hohen Verantwortung", sagt Ministeriumssprecher Andreas Maruschke. Die Bachmuschel sei vor dem Aussterben bewahrt worden. Der bereits ausgerottete Biber sei zurückgekehrt. Auch beim Orchideenschutz gebe es Erfolge. Beim Fünf-Prozent-Ziel sei Thüringen bundesweit Vorreiter. Bis 2029 - also in 18 Jahren - sollen 25.000 Hektar aus der Nutzung herausgenommen werden, versichert Maruschke. Zudem arbeite man an einer "Strategie zur Erhaltung der Biologischen Vielfalt". Inhalte konnte er nicht nennen. Mitte dieses Jahres soll die neue Ausgabe der Roten Liste erscheinen.
dapd
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