27.09.2010, 17:32 Uhr | DDP
Essen (dapd-nrw). Der Nervenkrieg um die Rettung des Karstadt-Konzerns und seiner 25.000 Arbeitsplätze geht weiter. Die Einsprüche zweier Gläubiger gegen den Insolvenzplan können nach Angaben eines Sprechers des Amtsgerichts Essen die Übergabe des Konzerns an den designierten neuen Eigentümer Nicolas Berggruen um Monate oder sogar Jahre verzögern. Dies würde dringend nötige Investitionen und Vorbereitungen für die Frühjahrs- und Sommerkollektion erschweren.
Angefochten wurde der Insolvenzplan nach Angaben aus Karstadt-Kreisen von Gläubigern aus dem Umfeld der in Deutschland inzwischen selbst insolventen britischen Investmentfirma Dawnay Day sowie vom Bocholter Geschenkartikel-Großhändler Gilde. Dawnay Day, in Deutschland durch die Hertie-Pleite bekannt geworden, wolle sich mit der angebotenen Quote nicht zufriedengeben und möglicherweise sogar Millionenforderungen an den ehemaligen Karstadt-Mutterkonzern Arcandor bei der Warenhauskette geltend machen, hieß es in Essen. Das Familienunternehmen Gilde wolle die vollständige Zahlung seiner ausstehenden Rechnungen erzwingen.
Der Karstadt-Insolvenzverwalter Klaus Hubert Görg hält die Forderungen für unberechtigt. Görg bemühte sich nach Angaben seines Sprechers am Montag darum, die Gläubiger zur Rücknahme ihrer Forderungen zu bewegen. Görg-Sprecher Thomas Schulz warf den Unternehmen indirekt Erpressung vor. Sie versuchten Forderungen durchzusetzen, die vom Insolvenzrecht nicht gedeckt seien - und nutzten dabei den Zeitdruck, unter dem Karstadt stehe.
Angriffe gegen den Insolvenzverwalter
Von Dawnay Day war zunächst keine Stellungnahme zu erhalten. Das Bocholter Unternehmen Gilde betonte dagegen in einer Erklärung, Geld sei nicht das Motiv für den Einspruch. Denn die offenen Forderungen beliefen sich lediglich auf "wenige 1.000 Euro". Das Unternehmen wehre sich vielmehr gegen das Vorgehen des Insolvenzverwalters, der nach Auffassung von Gilde im Zusammenhang mit Pensionsregelungen für leitende Mitarbeiter und andere Rentenregelungen gesetzlichen Verpflichtungen nicht nachgekommen sei.
"Gilde sieht die Übernahme von Karstadt durch Berggruen nicht gefährdet, wohl aber die Vergütung des Insolvenzverwalters in Höhe von angeblich etwa 50 Millionen Euro", hieß es in der Erklärung des Unternehmens. "Unser Ziel ist es die Wahrheit ans Tageslicht zu bringen und für ein kleines bisschen mehr soziale Gerechtigkeit zu kämpfen." Görg-Sprecher Thomas Schulz wies die Vorwürfe allerdings zurück. Die getroffenen Rentenregelungen basierten auf einem Kompromiss zwischen dem Pensions-Sicherungs-Verein und dem Karstadt Mitarbeiterfonds.
Der Görg-Sprecher warnte die beiden Gläubiger, wenn es nicht zu einer Einigung komme, müsse man sehen, ob hier nicht Rechtsmittel missbräuchlich eingesetzt worden seien. Ein Einspruchsrecht stehe den Gläubigern nur zu, wenn sie nachweisen könnten, dass sie durch den Insolvenzplan schlechter gestellt würden als durch eine normale Insolvenz. Dies sei aber nicht der Fall, wie Görg bereits vor Monaten auf der Gläubigerversammlung vorgerechnet habe. Der Görg-Sprecher zeigte sich zuversichtlich, vor Gericht letztlich die Oberhand zu behalten: "Es spricht wenig dafür, dass ein Gericht der Beschwerde statt gibt."
Die Zeit wird knapp für Karstadt
Das Problem des Insolvenzverwalters: Ein Rechtsstreit durch die Instanzen würde lange Zeit in Anspruch nehmen. Solange könnte das Unternehmen nicht an den neuen Eigentümer übergeben werden. Dies aber kann sich Karstadt nicht leisten, weil damit die notwendige Restrukturierung des Konzerns massiv behindert würde. Das gilt für die Renovierung der Warenhäuser, aber auch für die geplante Neuausrichtung der Warenkollektion.
Raum für Zugeständnisse sieht der Sprecher dennoch nicht: Schließlich gelte der Grundsatz der Gläubiger-Gleichbehandlung. Berggruens Sprecher Wolfgang Weber-Thedy wollte sich nicht zu den Vorgängen äußern. Dies sei eine Angelegenheit des Insolvenzverwalters.
Damit Karstadt - wie geplant - Ende der Woche an den neuen Eigentümer übergeben werden kann, müssten die beiden Beschwerdeführer ihre Einsprüche bereits in den nächsten Tagen zurückziehen. Doch gab es unter den am Verkaufsprozess Beteiligten am Montag Zweifel, ob dieser Zeitplan noch zu halten sei. Die 25.000 Karstadt-Beschäftigten in den 120 Filialen des Unternehmen müssten sich dann wohl auf weitere Wochen der Ungewissheit einstellen.
dapd
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