26.09.2011, 10:23 Uhr | dapd
Bei strahlendem Sonnenschein hat sich Papst Benedikt XVI. mit einem Freiluftgottesdienst von den Gläubigen in Deutschland verabschiedet. An der heiligen Messe auf dem Freiburger Flughafen nahmen am Sonntag 100.000 Menschen teil. Nach seiner viertägigen Reise durch seine Heimat mit Staatsbesuch in Berlin und weiteren Stationen in Erfurt und Freiburg wollte der Papst am Abend wieder nach Rom zurückfliegen. Überall hatten Gläubige das Oberhaupt der katholischen Kirche mit Jubel und Benedetto-Rufen empfangen.
Bei seinem Abschlussgottesdienst rief der Papst die Kirche zur Umkehr auf. Er kritisierte "kirchliche Routiniers, die in ihr nur noch den Apparat sehen". Benedikt XVI. betonte: "Die Erneuerung der Kirche kann letztlich nur durch die Bereitschaft zur Umkehr und durch einen erneuerten Glauben kommen."
Der Papst dankte zwar den vielen haupt- und nebenamtlichen Mitarbeitern, "ohne die das Leben in den Pfarreien und in der Kirche als ganzer nicht denkbar wäre". Er lobte auch die Kirche in Deutschland für ihre vielen sozialen und karitativen Einrichtungen. Aber Religiosität könne zur Routine werden, warnte Benedikt. Er appellierte an Gläubige und Funktionäre, ihre Gottesbeziehung zu hinterfragen.
Benedikt XVI. rief die Gläubigen zudem zur Demut auf und ging dabei auch auf den Dialogprozess über Stärken und Schwächen der Kirche in Deutschland ein, den die Bischöfe im Sommer gestartet hatten. Die Tugend der Demut sei "das Öl, das Gesprächsprozesse fruchtbar, Zusammenarbeit möglich und Einheit herzlich macht", betonte der Papst. Christliche Existenz sei Pro-Existenz: "Dasein für den andern, demütiger Einsatz für den Nächsten und für das Gemeinwohl."
Zahlreiche Pilger hatten bereits die Nacht auf dem Flugplatzgelände verbracht, um die besten Plätze zu ergattern. Rettungskräfte versorgten erschöpfte Pilger und verteilten Rettungsdecken an unterkühlte Menschen. Der große Ansturm auf das Areal setzte am Morgen ein. Mit 100.000 Gläubigen war die Messe die größte Veranstaltung des Deutschlandbesuchs des Papstes.
Am Nachmittag wollte Benedikt XVI. noch Bundesverfassungsrichtern begegnen und anschließend im Freiburger Konzerthaus eine Rede vor engagierten Katholiken aus Kirche und Gesellschaft halten. Am Abend sollte der Papst vom Bundespräsidenten auf dem Flughafen Lahr verabschiedet werden.
Bereits am Samstag hatten Zehntausende den Papst in Freiburg begeistert empfangen. Am Mittag jubelten 24.000 Menschen dem Oberhaupt der katholischen Kirche in der Freiburger Innenstadt zu, am Abend feierten in etwa genau so viele mit ihm einen Jugendgottesdienst auf dem Messegelände.
Am Nachmittag empfing der Papst im Freiburger Priesterseminar Altkanzler Helmut Kohl zu einer Privataudienz, um dessen Verdienste um die deutsche Einheit zu würdigen. Kurioser Zwischenfall am Rande: Kohls Auto landete in einem der offenen Wasserläufe (Bächle) in der Innenstadt. Die "Badische Zeitung" (Onlineausgabe) berichtete, dass Kohls Frau, Maike Richter-Kohl, zu weit nach rechts gefahren sei.
Vor seiner Abreise in den Breisgau hatte der Papst auf dem Erfurter Domplatz vor 28.000 Menschen gepredigt. "Hier in Thüringen und in der früheren DDR habt ihr eine braune und eine rote Diktatur ertragen müssen, die für den christlichen Glauben wie saurer Regen wirkte", sagte Benedikt XVI. Viele Spätfolgen der Diktaturen seien noch aufzuarbeiten, "vor allem im geistigen und im religiösen Bereich". Die Mehrzahl der Menschen lebe fern vom Glauben und von der Kirche.
Die Gläubigen sollten daher auf die Mitbürger zugehen und sie einladen, "die Fülle der frohen Botschaft" zu entdecken. "Wir wollen uns nicht in einem bloß privaten Glauben verstecken, sondern die gewonnene Freiheit verantwortlich gestalten", betonte der Papst.
Überschattet wurde die Eucharistiefeier von einem Zwischenfall: Ein Mann gab mit einer Luftdruckwaffe vier Schüsse auf Sicherheitspersonal ab. Verletzt wurde aber niemand. Die Schüsse waren vor Beginn der Papstmesse an einer der Einlass-Schleusen aus einer Dachgeschosswohnung abgefeuert worden. Nach dem Ende des Gottesdienstes stürmten Beamte die Wohnung. Der mutmaßliche Schütze wurde vorläufig festgenommen. Gegen ihn wird wegen versuchter gefährlicher Körperverletzung ermittelt.
Bereits am Freitagabend hatte sich der Papst in Erfurt mit fünf Opfern sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche getroffen. Dabei wurden die Verfehlungen von Priestern und Kirchenmitarbeitern nach Angaben des Trierer Bischofs Stephan Ackermann offen angesprochen. "Es wurde kein Blatt vor den Mund genommen", sagte der Beauftragte der Deutschen Bischofskonferenz gegen Missbrauch. Benedikt XVI. habe seine Beschämung und seinen Schmerz über den Missbrauch ausgedrückt.
dapd
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