26.09.2011, 10:18 Uhr | dapd
Mit einem "herzlichen Vergelt's Gott" hat sich der deutsche Papst von seiner Heimat verabschiedet: Papst Benedikt XVI. beendete am Sonntagabend seine viertägige Deutschlandreise, bei der ihm Zehntausende in Berlin, Erfurt, dem Eichsfeld und Berlin zugejubelt hatten. Zum Abschluss hielt das katholische Kirchenoberhaupt eine mit Spannung erwartete Rede im Freiburger Konzerthaus, bei der er die deutsche Kirche zum Verzicht auf Privilegien aufforderte. Am Vormittag waren 100.000 Gläubige zur Messe mit dem Papst geströmt.
Insgesamt nahmen an den fünf Gottesdiensten mit dem Papst unter freiem Himmel 300.000 Menschen teil - deutlich mehr als im Vorfeld erwartet. Die größte Veranstaltung der Reise war die Eucharistiefeier auf dem Gelände des Freiburger Flughafens. Bei strahlendem Sonnenschein rief Benedikt XVI. die Kirche in seiner Predigt zur Umkehr auf. Er kritisierte "kirchliche Routiniers, die in ihr nur noch den Apparat sehen". Benedikt XVI. betonte: "Die Erneuerung der Kirche kann letztlich nur durch die Bereitschaft zur Umkehr und durch einen erneuerten Glauben kommen."
Im Freiburger Konzerthaus erteilte der Papst Rufen nach einer Modernisierung der Kirche, nach einer Anpassung an die Gegenwart eine Absage: Er appellierte stattdessen an die Kirche, auf Distanz zu ihrer Umgebung zu gehen, sich "gewissermaßen zu ent-weltlichen". Die von ihrer materiellen und politischen Last befreite Kirche könne sich besser auf wahrhaft christliche Weise der gesamten Welt zuwenden.
Am Sonntagabend flog der Papst vom Flughafen Lahr in Richtung Rom zurück. Bundespräsident Christian Wulff dankte dem Papst für seinen Deutschlandbesuch, bei dem er unzählige Menschen beschenkt und "viele Zeichen gesetzt" habe.
Bereits bei seiner Ankunft in Freiburg am Samstagmittag hatten ihm 24.000 Menschen einen begeisterten Empfang bereitet. Mit Fähnchen in den Vatikanfarben Gelb und Weiß säumten sie die Fahrroute des Papamobils. Am Abend feierten in etwa 23.000 Menschen mit dem Kirchenoberhaupt einen Jugendgottesdienst auf dem Messegelände. Benedikt XVI. empfing in Freiburg ferner Altkanzler Helmut Kohl (CDU), Vertreter der orthodoxen Kirchen und des Zentralkomitees der deutschen Katholiken.
Während sich die Verantwortlichen in den Bistümern sehr zufrieden mit der Reise zeigten, beklagte die Reformbewegung "Wir sind Kirche" verpasste Chancen. Sie rief Katholiken zum Ungehorsam gegenüber Rom auf: Die Gläubigen sollten angesichts der "herben Enttäuschungen" beim Ökumene-Treffen mit dem Papst in Erfurt künftig dem eigenen Gewissen folgen und die "unsägliche Spaltung der Christenheit für sich als beendet erklären". Auch der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) kritisierte, dass der Papst in Erfurt keine deutlichere Ansage zur Zukunft der Ökumene gemacht habe.
Vor seiner Abreise in den Breisgau hatte der Papst am Samstag auf dem Erfurter Domplatz vor 28.000 Menschen gepredigt. "Hier in Thüringen und in der früheren DDR habt ihr eine braune und eine rote Diktatur ertragen müssen, die für den christlichen Glauben wie saurer Regen wirkte", sagte Benedikt XVI. Viele Spätfolgen der Diktaturen seien noch aufzuarbeiten, "vor allem im geistigen und im religiösen Bereich". Die Mehrzahl der Menschen in Ostdeutschland lebe fern vom Glauben und von der Kirche. Die Gläubigen sollten daher auf die Mitbürger zugehen und sie einladen, "die Fülle der frohen Botschaft" zu entdecken.
Überschattet wurde die Eucharistiefeier von einem Zwischenfall: Während sich Zehntausende Katholiken zum Domplatz aufmachten, schoss ein Mann knapp 400 Meter Luftlinie entfernt mit einem Luftgewehr auf Mitarbeiter eines privaten Sicherheitsdienstes. Verletzt wurde niemand. Die Polizei nahm den Mann fest. Nachdem er die Tat gestanden hatte, kam er noch am Nachmittag wieder auf freien Fuß. Gegen ihn wird wegen Verstoßes gegen das Waffengesetz ermittelt.
Bereits am Freitagabend hatte sich der Papst in Erfurt mit fünf Opfern sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche getroffen. Dabei wurden die Verfehlungen von Priestern und Kirchenmitarbeitern nach Angaben des Trierer Bischofs Stephan Ackermann offen angesprochen. "Es wurde kein Blatt vor den Mund genommen", sagte er. Benedikt XVI. habe seine Beschämung und seinen Schmerz über den Missbrauch ausgedrückt. Mehre Opferverbände zeigten sich dennoch enttäuscht über den Papstbesuch und warfen der Kirche vor, sich einem Dialog zu verweigern.
dapd
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