14.02.2012, 11:11 Uhr | dapd
Es geschieht am 16. Februar 1962: Um kurz vor Mitternacht kann der Emsdeich dem Druck nicht mehr standhalten. Auf einer Länge von 60 Metern wird das Bollwerk gegen den blanken Hans weggerissen. Wassermassen strömen in die kleine Ortschaft Völlen (Landkreis Leer). Menschen, Tiere und Häuser sind den Naturgewalten plötzlich schutzlos ausgeliefert. "Es war windig, kalt und ein totales Chaos. Es war schrecklich", erinnert sich Heinz Schipper 50 Jahre später an die Jahrhundertsturmflut.
Der heute 70-jährige Schiffbaumeister im Ruhestand hat damals eine Art persönliches Frühwarnsystem. "Ich wusste schon am Morgen: Da braut sich was zusammen", sagt Schipper. Die Vorahnung wird wahr. In der Nacht auf den 17. Februar prallt ein Sturmtief auf die deutsche Nordseeküste. Das Wasser drückt über die Flussmündungen ins Binnenland. Mit dem Tidehochwasser schwappt es auch im 50 Kilometer von der Küste entfernten Völlen gegen 21 Uhr über die Deichkrone.
Wenig später wird Katastrophenalarm ausgelöst. Die Menschen sind gewarnt. Zweieinhalb Stunden später bricht das kurz vor dem Papenburger Hafen gelegene Deichstück. Es ist im Gegensatz zu den Seedeichen wenige Meter flussabwärts noch nicht erhöht worden. Binnen Minuten steht das Wasser "hüfthoch im Dorf", sagt Schipper. Er selbst hat Glück. Das elterliche Haus steht nahe der Kirche und damit leicht erhöht. "Wir hatten noch die Kellerlichtschächte verfüllt. Aber es blieb trocken", erinnert sich Schipper.
Der damals zehnjährige Johann Steenblock empfindet sogar Freude ob der Überschwemmung. "Die Schule fiel ja aus", sagt der spätere Kranführer auf der nahen Meyer Werft. Ansonsten ist ihm noch die Schaumkrone der Wassermassen in Erinnerung geblieben. "Das sah aus wie Schnee", sagt er. Etwas weniger Glück hat Bernhard Janssen. Auch bei ihm bleibt das Wasser zwar draußen, doch rundherum ist eine Seenlandschaft entstanden. "Wir wurden am nächsten Tag von der Bundeswehr per Hubschrauber rausgeholt", erzählt der 77-Jährige.
Einer von etwa 600 eingesetzten Bundeswehrsoldaten ist der 21-jährige Manfred Bastan aus Duisburg-Hamborn. Er springt nach Angaben des Gemeindearchivs im ostfriesischen Westoverledingen trotz der eisigen Temperaturen von einem Schlauchboot ins Wasser, um 16 Personen aus einem einsturzgefährdeten Haus zu retten.
Gesichert ist er nur durch ein Seil um die Hüfte. Als seine Kameraden später an dem Seil ziehen, können sie Bastan nur noch tot bergen. Der als guter Schwimmer der Sportfreunde Hamborn bekannte Mann ist in den kalten Fluten ertrunken. In Gedenken an ihn wird seit 1963 der schnellste Jugendschwimmer der alljährlichen Ruhrgebiets-Meisterschaften mit dem Manfred-Bastan-Wanderpreis ausgezeichnet.
In Völlen verschwindet das Wasser damals fast so schnell, wie es gekommen war. "Nachdem ich als Helfer der Feuerwehr mehrere Keller leergepumpt habe, beruhigte sich die Lage schon am Mittag des 17. Februar wieder", erzählt Heinz Schipper, während er an genau der Stelle steht, wo einst der Deich brach.
Über die zahlreichen Kanäle im Binnenland kann das Wasser abfließen. Der Deich wird zunächst provisorisch repariert und anschließend erneuert. "Diesmal einen Meter höher", sagt Schipper. Übrig bleibt neben zahlreichen zerstörten Gärtnereigebäuden im Dorf zunächst nur eine weiße Schicht, die wie die vorherige Schaumkrone an Schnee erinnert. "Aber es war der Spülsand aus der Ems", weiß Schipper.
Auch wenn ein erneuter Deichbruch spätestens seit dem Bau des Emssperrwerks im Jahr 2002 unwahrscheinlich erscheint, hat Johann Steenblock seine Lehren aus der Jahrhundertsturmflut gezogen: "Ich wohne heute auf der höchsten Stelle Völlens", sagt der 59-Jährige.
dapd
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