03.02.2011, 12:06 Uhr | dapd
Plauen/Erfurt (dapd-lsc). Tarnen und Täuschen hat für die Teilnehmer des Alphabetisierungskurses im vogtländischen Plauen oberste Priorität. Nichts darf aus dem winzigen Klassenzimmer in dem ehemaligen Backstein- Industriekomplex im Norden der einstigen Textilhochburg nach außen dringen, was sie verraten könnte. Sogar das selbstgemalte Schild, das Grundschullehrerin Kerstin Stöckel als Orientierungshilfe an der Tür angebracht hat, musste wieder abgehängt werden. "Meine Schüler hatten Angst, dass jemand merken könnte, dass sie nicht lesen und schreiben können. Ich musste dann Deutschkurs schreiben", sagt Stöckel.
Ihre Schüler, das sind sechs Männer und Frauen im Alter von 35 bis 55 Jahre aus dem Vogtland im Grenzgebiet von Thüringen und Sachsen. Sie kommen aus unterschiedlichen sozialen Schichten - gemeinsam ist ihnen die Unfähigkeit, trotz Schulausbildung einfache Worte aus Silben zu bilden oder gar selbstständig Sätzen nieder zuschreiben.
Gisela S., 48, ist gelernte Textilfacharbeiterin. "Früher, zu DDR-Zeiten im Betrieb, da musste ich nicht schreiben. Da habe ich nur meine geschafften Mengen auf einen Zettel eingetragen und ansonsten hab ich gearbeitet", sagt sie. Für das, was dennoch an Schriftverkehr zu besorgen war, hat sie sich unterschiedlichste Strategien zurecht gelegt. "Manchmal hab ich bei anderen was heimlich abgeschaut oder das von Freunden erledigen lassen", sagt Gisela.
Versuche, sich aus dem Dilemma aus eigener Kraft zu befreien, scheiterten indes. "Vor ein paar Jahren habe ich schon mal privat Nachhilfe genommen und das selbst bezahlt. Das hat aber nicht funktioniert", sagt Gisela. Auch bei anderen im Kurs hat die Alternative, sich mit Mogeln und Täuschen durchs Leben zu hangeln, nur begrenzt angeschlagen.
Mit dem Einzug von Computern ins Berufsleben haben Analphabeten in ganz Deutschland mittlerweile völlig den Anschluss verloren, sagt Ingrid Ficker von der Koordinierungsstelle koalpha in Plauen. "Es gibt kaum noch Chancen für Analphabeten, seitdem selbst eine Putzfrau ihre Aufträge per E-Mail vom Chef bekommt. Die meisten sind deshalb arbeitslos oder halten sich mit schlechten Jobs plus 'Hartz IV' über Wasser", sagt Ficker.
Betroffen davon sind allein in Sachsen und Thüringen rund 200.000 Menschen. Die Dunkelziffer dürfte indes weitaus höher liegen und beide Freistaaten haben deshalb ihre Bemühungen um eine Reduzierung der unglaublich hohen Zahl im vergangenen Jahr intensiviert. So wurde in Sachsen im Jahr 2010 mit Mitteln aus dem europäischen Sozialfonds erstmals eine zentrale Koordinierungsstelle gegründet.
"Alle Kursangebote von caritativen und sozialen Einrichtung werden nun mit den Anfragen der Jobcentern koodiniert", sagt Ficker über die einfache, aber offenbar effektive Veränderung im Kampf gegen die Analphabeten. So würden, seitdem es die Stelle gibt, vor allem Angebot und Nachfrage effektiver geregelt.
In Thüringen indes haben die Volkshochschulen den Kampf gegen den Analphabetismus übernommen. Mit 130.000 Euro an zusätzlichen Mitteln vom Bildungsministerium für die Alphabetisierungskampagne ausgestattet, wurden an den 23 Volkshochschulen im Freistaat Lernzentren für Lesen und Schreiben eingerichtet. Zudem wird versucht, die Betroffenen durch intensive Einzelarbeit aus der Anonymität zu holen. "Das Hauptproblem ist, Analphabeten überhaupt zu finden und sie zu Kursen zu bewegen. Unser Ziel ist es daher, die Betroffenen direkt abzuholen?, sagt Sylvia Kränke vom Volkshochschulverband Thüringen.
Angesichts der perfekten Tarnung, die sich ein Großteil der Analphabeten im Laufe ihres Lebens angeeignet hat, ist eine gezielte Hilfe bei der Alphabetisierung schwierig. Dennoch sind in den vergangenen zwölf Monaten unzählige Mitarbeiter der Volkshochschulen bei Polizei, Justiz, Sozialbehörden und Jugendclubs vorstellig geworden und haben dort für eine Sensibilisierung für das Thema geworben.
"Gezielt wurden Schlüsselpersonen angesprochen, die aus unsere Sicht mit Betroffenen im Kontakt kommen könnten und denen das Problem dieser Menschen am ehesten auffällt", sagt Kränke. Einmal entdeckt, werben die insgesamt 23 Volkshochschulen anschließend intensiv um die Betroffenen. "Ohne finanziellen Druck sind wir in jeder unserer Schulen der Lage, so individuell wie möglich zu fördern. Das geht bis hin zu Einzelunterricht", sagt Kränke.
Erfolge der Kampagnen lassen sich in Zahlen nur schwer festmachen. Für Grundschullehrerin Stöckel ist die Motivation der Betroffenen, sich aus dem Teufelkreis zu winden, schon Rechtfertigung genug. "Man kann nicht sagen, dass man nun so und so viel weniger Analphabeten hat. Zu sehen, dass die Betroffenen die neuen Angebote annehmen und sich neue Lebensperspektiven erarbeiten wollen, ist aber schon als ein riesiger Fortschritt anzusehen", sagt Stöckel unter Verweis auf das Einzelbeispiel von Gisela. So hat die 48-Jährige mit dem Kurs neue Hoffnungen für ihr Leben geschöpft: "Zur Zeit putze ich in einem Friseursalon. Wenn ich lesen und schreiben kann, finde ich vielleicht was besseres."
dapd
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