19.01.2012, 15:50 Uhr | dapd
Wenn die Zeit endlich gekommen ist, dann wird es fantastisch sein. Davon sind Friederike Westphal und Linda Sinewe überzeugt. Der Vorhang würde sich wie in Zeitlupe öffnen, das erste Model zum Rhythmus der Musik auf den Laufsteg schreiten und das Ergebnis monatelanger Arbeit fulminant zur Schau stellen.
Die Modefotografen am Fuß des Catwalks auf der Berliner Fashion Week würden diesen besonderen Moment festhalten, und dann könnte die Welt vielleicht in dem einen oder anderen Magazin von ihrem Modelabel "Hoogstraat" lesen.
Doch vor solchen wenigen, glamourösen Minuten im Rampenlicht stehen einige Jahre der harten Arbeit. "Für eine Schau bei uns auf der Mercedes-Benz Fashion Week braucht man Erfahrung, Können und einen einwandfrei funktionierenden Betrieb", sagt der Pressesprecher des Veranstalters IMG Fashion, Daniel Aubke. Es sei niemandem geholfen, wenn die Modeschaffenden mit dem Ansturm, den eine Schau auf der Berliner Fashion Week auslöst, nicht fertig würden.
Diese Auffassung teilen auch Westphal und Sinewe, die seit anderthalb Jahren kontinuierlich ihr eigenes Modelabel aufziehen. Schritt für Schritt haben sich die beiden jungen Frauen in der Berliner Szene einen Namen gemacht und dabei viel Schweiß gelassen. Sie brachten ihre erste Kollektion zu Papier, wählten Unmengen an Stoffen aus, suchten einen geeigneten Produzenten, machten Verkaufsflächen ausfindig und bestückten Boutiquen.
"Ich sag immer, wir haben uns selbstständig gemacht und arbeiten jetzt selbst ständig", lacht die 30-jährige Westphal. Für einen funktionierenden Ablauf haben sich die beiden Berlinerinnen die Arbeit aufgeteilt: Modedesignerin Westphal ist in dem Zwei-Frauen-Betrieb für die Gestaltung der Mode zuständig, Grafikdesignerin Sinewe für Logistik und Werbung. Außerdem helfen Freunde. "Wir haben inzwischen ein riesiges Netzwerk von Kreativen im Rücken, in dem sich alle gegenseitig helfen. Das ist einfach großartig", freut sich die gleichaltrige Sinewe. Dennoch kommen für sie jeden Tag zehn Arbeitsstunden zusammen.
Nach einem Jahr Durststrecke hat sich die Plackerei inzwischen ausgezahlt: In vergangenen Herbst hing ihre erste Kollektion in 17 Boutiquen deutschlandweit. "Wir füllen mit unserer Mode eine Nische zwischen exklusiver High Fashion und bezahlbarer Kleidung für den Alltag", beschreibt Westphal den "Hoogstraat"-Stil und zeigt einige Stücke. Sie haben eine klare Linie und verzichten auf Schnörkel. Raffinesse erhalten die Modelle durch kleine Details, wie Abnäher oder Satinbändchen, mit denen die Größe individuell angepasst werden kann.
Ihr Lieblingsstück hat die 30-Jährige in einer Silvesternacht entworfen. "An dem Abend hatte ich ursprünglich etwas anderes vor, was dann aber ausgefallen ist", erinnert sich die kurzhaarige, blonde Frau. Also setzte sie sich an ihren Tisch und fing an zu entwerfen. Entstanden ist ein schlammfarbenes Kleid aus weich fließendem Tencelstoff. "In manchen unserer Boutiquen war das gleich am ersten Tag ausverkauft", berichtet Westphal stolz.
Doch auch mit Problemen mussten die Frauen umgehen lernen. "Bei unserem ersten Shooting ist das Model nicht erschienen, da mussten wir kurzfristig ein neues buchen", erinnert sich Sinewe. Bei einem anderen Termin war das Model locker zehn Kilogramm schwerer als auf der Setkarte abgebildet. "Mit der Zeit lernt man, mit solchen Dingen professionell umzugehen", sagt Sinewe entspannt und ein Lachen huscht der aufgeweckten jungen Frau über das Gesicht.
Solche Professionalität wünschen sich auch die Macher der Mercedes-Benz Fashion Week. "Wir sprechen mit den Labels, die sich bei uns bewerben, und schauen uns genau an, ob sie schon bereit für eine Schau sind", sagt Aubke. Wer infrage kommt, braucht auch noch ein entsprechendes Budget. "Die Preise variieren, aber in unserem großen Haus kostet eine Schau von 30 Minuten rund 10.000 Euro", sagt Aubke. Darin sei alles enthalten, außer der Models und den Kollektionen. "Wenn jemand besondere Wünsche für seine Schau hat, erhöht sich der Preis natürlich." Laufstegschauen in anderen Berliner Locations würden schnell mal über 100.000 Euro kosten.
Das Finanzielle ist einer der wichtigsten Gründe, warum sich die beiden Berlinerinnen von "Hoogstraat" bisher noch nicht für eine Schau auf der Fashion Week bewarben. "Wir haben noch keine Sponsoren und keine PR-Agentur, die uns unterstützen. Aber das kommt sicher noch", sagt Sinewe und lächelt zuversichtlich. Wenn es dann soweit ist, kann die Schau losgehen - vielleicht schon im nächsten Jahr.
dapd
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