05.08.2011, 13:24 Uhr | dapd
Lützensömmern (dapd-lth). Verzweifelt rütteln drei jungen Frauen am schlafenden Prinzen. Selbst unter Einsatz ihrer weiblichen Reize vermögen sie ihn nicht zu wecken, und so kommt der erlösende Kuss von einem unerwarteten Helden: dem Hausmeister. Traditionelle Märchenfilme enden anders, aber die Szene entstammt dem Drehbuch zur "schwulen Version von Dornröschen", das Florian und seine beiden homosexuellen Mitstreiter geschrieben haben. Sie gehören zu den 75 Teilnehmern des einwöchigen Sommercamps für schwule, lesbische, bi- und transsexuelle Jugendliche im thüringischen Lützensömmern.
Das vom Jugendnetzwerk Lambda organisierte Zeltlager liegt innerhalb der Mauern des örtlichen Ritterguts und findet schon zum 15. Mal statt. Die Zielsetzung ist dabei stets gleich geblieben, wie Koordinator Stefan Beckmann betont: "Viele der Jugendlichen hier sind noch auf der Suche nach ihrer sexuellen Identität. Daher ist es wichtig, dass sie sich mit Gleichaltrigen austauschen und so ihr Selbstbewusstsein stärken können." Ob Händchen haltende Jungs, küssende Mädchen oder gemischte Paare - im Camp darf jeder ausprobieren, was sich richtig anfühlt. Grüppchenbildung gibt es nicht, das Gefühl der Ausgrenzung kennen viele bereits zur Genüge.
Der Kurzfilm-Workshop ist nur eines von vielen Angeboten, auch gemeinsames Kochen, Musizieren und Yoga stehen auf dem Programm. Jeder dritte Teilnehmer zwischen 15 und 25 Jahren kommt aus Deutschland, der Rest aus Israel, Finnland, Frankreich und Island. Manche stehen zu Hause unter großem psychischen Druck, verheimlichen ihre sexuelle Orientierung und kommen fernab der Heimat auf dem Thüringer Land erstmals zur Ruhe. Dort erwarten sie keine bohrenden Fragen der Eltern: Warum ihr Sohn noch immer keine Freundin hat. Weshalb die Tochter nie mal einen netten Mann mit nach Hause bringt.
Kein Rechtfertigungszwang, keine bösen Blicke
In Lützensömmern herrscht vor allem eines: Toleranz. "Einige Jugendliche haben sich bereits geoutet, andere tragen noch innere Kämpfe mit sich aus", erzählt Beckmann, der selbst lange davon ausging, nur Männer zu lieben. Inzwischen will der 25-Jährige seine Sexualität nicht mehr nach Geschlechtern definieren, zieht den englischen Begriff "queer" vor: "Das bedeutet, dass man sich nur auf eine Kategorie einlässt - und die heißt Mensch."
Drehbuchautor Florian bekannte sich mit 18 Jahren zum Schwulsein, als seine Mutter ihren lange gehegten Verdacht erstmals aussprach. "Das war wie ein Befreiungsschlag", erinnert sich der 25-Jährige heute. Inzwischen ist Florian dort, wo andere noch hin wollen: Seine Homosexualität ist für Familie, Freunde und Arbeitskollegen zur Selbstverständlichkeit geworden. Schon im vergangenen Jahr war er im Camp dabei, "weil sich hier niemand rechtfertigen oder mit bösen Blicken rechnen muss". Auch nicht der junge Finne, der 2010 noch als biologische Frau kam - nun als Mann zurückkehrt.
Außenstehenden bleibt das Leben hinter den Mauern verborgen: Erst drinnen weist ein Schild mit Sonnenaufgang und dem Schriftzug "Lambda Land" den Weg zum Camp. Durch die bunte Zeltstadt führt der "Hape-Kerkeling-Boulevard", und in den Holzverschlägen auf der Wiese gackern Hühner neben mümmelnden Hasen. Für Kristin aus Chemnitz war es "wie ein Traum", als sie mit 14 Jahren zum ersten Mal in diese Welt eintauchte. Heute ist sie 23, offen lesbisch und schon zum achten Mal dabei.
Deutschland ist geteilt, sagt Kristin - in Stadt und Land
In Kristins Augen ist Deutschland noch immer geteilt - aber nicht in Ost und West, sondern in Stadt und Land. "Wer in der Provinz aufwächst, hat meist weder eine homosexuelle Szene noch geeignete Anlaufstellen vor Ort." Das wisse sie aus eigener Erfahrung. Durch das Internet sei heute vieles einfacher geworden, etwa der anonyme Erfahrungsaustausch und die Kontaktsuche. Wer unsicher sei, könne sich so behutsam an sein "neues Ich" herantasten.
Wie Kristin überlegt auch Florian lange, bevor er seine Meinung zum 2001 erlassenen Lebenspartnerschaftsgesetz verrät. "Natürlich hat sich die rechtliche Situation von homosexuellen Paaren dadurch verbessert." Wichtiger sei aber die frühzeitige Aufklärung an Schulen, da es gerade in den sogenannten bildungsfernen Schichten noch immer Vorurteile gebe. Zudem legten Migranten häufig ein vom Machismo geprägtes Männlichkeitsbild an den Tag. "Wichtiger als das rechtliche ist also das gesellschaftliche Klima", sagt Florian mit Blick auf die jüngeren Teilnehmer im Camp. Er würde sich wünschen, dass sie ihre Identitätskonflikte künftig offen und ohne Furcht vor Zurückweisung austragen können. Und nicht nur hinter Mauern.
dapd/sw
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