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Shoppen mit grünem Gewissen

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Shoppen mit grünem Gewissen

03.02.2012, 15:58 Uhr | dapd

Die ältere Frau winkt gleich ab. Nein, sie wolle nur mal gucken. Schnell schnappt sie sich eine Broschüre vom Stapel neben den Filzmützen, während ein junges Mädchen ein paar bunt bedruckte T-Shirts mit ihren Händen knetet. Auf dem selbstgeschreinerten Tresen liegt ein Buch, das das Ende des Ölzeitalters prophezeit. "Grünschnitt" heißt der unscheinbar gelegene Laden in einer Gasse am Rande der Jenaer Innenstadt. Er ist ein Projekt in Jena auf dem Weg zur "Fair Trade Stadt".

Im Oktober vergangenen Jahres eröffnete der Soziologe Andy Limprecht mit "Grünschnitt" den ersten "Green Fashion Store" Thüringens. "Dies bedeutet, dass bei uns jedes Kleidungsstück nach hohen ökologischen und sozialen Standards gefertigt wurde", sagt Limprecht.

Als er mit den Planungen für sein Geschäft begann, gab es in Deutschland gerade einmal ein Dutzend vergleichbarer Läden. Das sind weniger, als es H&M-Filialen in Hamburg gibt. "Fair" gehandelte Textilien, so schreibt der gemeinnützige Verein TransFair, machen in Deutschland nicht einmal ein Prozent des Umsatzes aus. "Wenn ich für zehn Euro Schuhe kaufe, muss jemand anderes dafür bluten", sagt der Soziologie-Absolvent.

Auch wenn die Statistik für Jena kaum besser ausfällt, ist Limprechts "Grünschnitt", umgeben von Bio- und Bastelläden, nicht das einzige Projekt in der Stadt, welches sich für eine bewusstere Art des Konsums einsetzt. "Jena wird Fair Trade Stadt" heißt der Beschluss, den der Stadtrat im November fasste. Vom Eine-Welt-Haus, über Schulpartnerschaften bis hin zur Selbstverpflichtung der Stadt, auf Produkte aus Kinderarbeit zu verzichten, seien es mittlerweile 39 Projekte mit Bezug zum fairen Handel in Jena, erzählt Sabine Hirschleber.

Die städtische Sachbearbeiterin für lokale Entwicklung arbeitet eng zusammen mit dem Verein "Lokale Agenda 21", der unter anderem den Stadtrat in Nachhaltigkeitsfragen berät. Doch auch wenn der Beschluss des Stadtrates zum Beispiel dazu geführt habe, dass es im Bürgermeisterbüro nur noch fairen Kaffee und bei Edeka fair gehandelte Rosen geben soll, so bleibe doch "vieles nur auf dem Papier schön", sagt Isabelle Marquart vom Vorstand des Vereins.

Drei Jahre arbeitete Lamprecht an der Eröffnung des kleinen Öko-Modegeschäfts. Eine Zeit, in der er oft kurz vorm Aufgeben stand. Tatsächlich waren es aber selten bürokratische Hürden, wie das Anmelden der grünen Schaufensterfolie, die Limprecht an seinem Projekt zweifeln ließen. Stattdessen sei der ständige Spagat zwischen "kaufmännischem Denken, ohne jede Perversität mitzumachen", die größte Belastung, erzählt der Verkäufer Benjamin Stehle.

Der Politikwissenschaftler mit Filzmütze auf dem Kopf arbeitet im "Grünschnitt". "Auch bei uns fährt DHL mit Dieselmotor vor. Auch wir bekommen Post vom Hermes-Mann mit fünf Euro Stundenlohn", sagt er, während das Fair-Trade-Logo auf dem Teebeutelkärtchen aus seiner Tasse baumelt. "Ich habe erst spät realisiert, was das für eine krasse Arbeit ist", pflichtet Limprecht ihm bei.

Immerhin die Hälfte des Umsatzes, der nötig wäre, um schwarze Zahlen zu schreiben, macht das "Grünschnitt" mittlerweile. 10 bis 20 Kunden verirren sich täglich in das Geschäft. Wenig für eine Stadt, die sich schon vergangenes Jahr erfolglos um den Titel der "Fairtrade-Hauptstadt" bemühte, aber genug für Limprecht, um weiter hinter dem Tresen zu stehen. Vor ihm liegt das Buch über das Ende des Ölzeitalters.

Das Buch handelt von der Vision einer Gesellschaft, die bewusster mit ihren Ressourcen umgeht. Doch noch etwas mag Andy Limprecht in diesem Moment mit dem Buch verbinden. Der Titel: "Ausgepowert".


dapd  

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