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Sigmar Gabriel: Der Guttenberg-Ersatz

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Der Guttenberg-Ersatz

12.04.2011, 09:05 Uhr | dapd

Berlin (dapd). Das Leben ist unberechenbar. Eigentlich sollte auf diesem Stuhl Karl-Theodor zu Guttenberg sitzen. Der Leiter der Berliner Parlamentsredaktion der "Bild"-Zeitung, Nikolaus Blome, hat ein Buch über das zerrüttete Verhältnis zwischen Politik und Bürgern geschrieben. Vorstellen sollte das Werk einer, der mit Bürgern und "Bild" gleichermaßen gut konnte: der Publikumsliebling Guttenberg.

Der Rücktritt des Verteidigungsministers kam dazwischen, Ersatz musste her. Und so hat SPD-Chef Sigmar Gabriel an diesem Montag an Guttenbergs Stelle Platz genommen, um über das Bürgerbild in der Politik zu sinnieren - und über den Abwesenden.

Die "Politikverdrossenheit" in Deutschland ist ein alter Hut: Die machen doch, was sie wollen, sind abgehoben und halten nicht, was sie versprechen - so lauten gängige Klischees über "die Politiker". Aber wie sieht es andersherum aus? Was denken die Politiker über die Menschen an Supermarktkassen, Fließbändern und Wahlurnen? Blome hat sich darüber in seinem Buch Gedanken gemacht und kommt zu dem ernüchternden Schluss: In diese Richtung sieht es kaum besser aus; viele Politiker halten die Bürger für einigermaßen beschränkt und undankbar.

Das Buch sei die "Frucht von zehn Jahren zuhören" in Hintergrundkreisen und auf öffentlichen Veranstaltungen, sagt Blome. Das Fazit: In der politischen "Wagenburg" in Berlin herrsche in allen Parteien Frust. Frust über Bürger, die sich angeblich nicht für Politik interessieren, die sprunghaft, unberechenbar und unbelehrbar seien und "wie Kinder" an die Hand genommen werden müssten. "Der Wähler is a Sau", "Das verstehen die Leute eh nicht" oder "Das kann man nicht laut sagen" - mehr oder weniger offene Zitate dieser Kategorie hat Blome zusammengetragen und zu knapp 20 Kapiteln ausgebaut. Der Titel dazu: "Der kleine Wählerhasser. Was Politiker wirklich über die Bürger denken."

Die Buchvorstellung kommt reichlich spät: Der Titel ist schon seit einigen Wochen auf dem Markt. Ursprünglich sollte Guttenberg das Buch präsentieren. Einmal wurde der Termin verschoben, beim zweiten Mal war der Ressortchef schon Ex-Minister - aller Schützenhilfe der von "Bild"-Zeitung zum Trotz. Blome war selbst in zahlreichen Talk-Shows und Diskussionsrunden für den schneidigen Ressortchef in die Bresche gesprungen. Geholfen hat es nichts.

So sitzt nun Gabriel an Guttenbergs Stelle und kommentiert das Buch - vermutlich etwas weniger galant und gefeilt, als es der Ursprungs-Gast getan hätte. Ja, mit einigen Thesen liege Blome durchaus richtig, räumt Gabriel ein, aber ein bisschen mehr Differenzierung hätte er sich doch gewünscht. "Es gibt nicht DIE Politiker und es gibt nicht DIE Wähler", sagt er und holt aus zum verbalen Rundumschlag über fleißige Kommunalpolitiker, seine eigene Bürgersprechstunde, über Empathie, Neugier und den Wunsch nach mehr Volksabstimmungen.

Zum Schluss kommt unweigerlich die Frage nach Guttenberg und dessen Beitrag zum Politiker-Image. "Sie fanden ihn doch immer dufte", sagt Gabriel zu Blome, "deshalb sind Sie zuerst dran." Und der "Bild"-Mann tut, was er schon vorher getan hat: Er verteidigt den Ex-Verteidigungsminister. Dessen Popularität habe nicht die "Bild"-Zeitung in ihrer "kleinen Giftküche" zusammengebraut, sagt Blome, "die war schon da." Und dem Bild von Politikern habe Guttenberg sicher nicht geschadet, schiebt er nach. Ganz im Gegenteil: Für den politischen Betrieb wäre es laut Blome eher zuträglich, wenn es mehr Politiker gäbe, die ganze Bierzelte auf dem Land füllen und begeistern könnten.

Gabriel widerspricht, erwartungsgemäß. Guttenberg sei mitnichten so geradlinig, aufrichtig und ehrlich, wie er sich inszeniert habe. Nur die passende Projektionsfläche habe der CSU-Mann geboten. Die Menschen hätten nun mal die "nachvollziehbare Sehnsucht nach Geradlinigkeit und Glaubwürdigkeit", sagt der SPD-Chef. Zu denken gebe es nur, dass die Bevölkerung meine, dies bei anderen Politikern nicht zu finden. Und er schließt mit dem Appell, man müsse sich den hohen Ansprüchen der Bürger stellen. Guttenberg hätte es kaum schöner sagen können.


dapd  

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