26.01.2011, 11:28 Uhr | DAPD
Wallgau (dapd-bay). Wenn Berufsjäger Karl Hörmann auf seinen Eimer trommelt und in die verschneite Bergwelt in Wallgau bei Mittenwald hinaus ruft, weiß das Rotwildrudel in der Umgebung sofort: Es gibt Futter. In Scharen strömen die Tiere heran. Das Signal ist den 70 bis 80 Hirschen im Laufe vieler Winter in Fleisch und Blut übergegangen. Sobald das Winterwetter die natürliche Äsung schwierig macht, wandern sie Jahr für Jahr hier hoch, um auf über 800 Höhenmetern mit Hilfe der Wildfütterung über den Winter zu kommen.
Die Fütterungsperiode dauert jedes Jahr 150 bis 180 Tage lang. "Man sieht sich einen Winter lang jeden Tag", sagt Hörmann. "Das ist das Schöne." Knappe zwei Stunden dauert es jedes Mal, bis das gesamte Rudel versorgt ist. Durchschnittlich 4,5 Kilogramm Futter täglich erhält jedes Tier. Allein die Futtermittel für die Wildfütterung kosten den zuständigen Forstbetrieb Bad Tölz, der zu den Bayerischen Staatsforsten gehört, jedes Jahr rund 16.000 Euro.
Was die Idylle in den Mittenwalder Bergen nicht vermuten lassen würde: Die winterliche Wildfütterung ist ein höchst umstrittenes Thema - eines, bei dem sich Naturschützer und Jägerverbände unvereinbar gegenüberstehen.
Erst kürzlich hat der Vorsitzende der Freien Wähler, Hubert Aiwanger, die Wildfütterung bei den Staatsforsten scharf kritisiert. Der Politiker, selbst Jäger und Kreisgruppenvorsitzender beim Bayerischen Jagdverband (BJV), warf den Verantwortlichen für den Staatswald vor, "ihrer jagdlichen Vorbildrolle nicht gerecht zu werden und den Tierschutz zu missachten". In zahlreichen Revieren sei die Wildfütterung trotz Notzeit für die Tiere sträflich vernachlässigt worden, bemängelt Aiwanger.
Unterstützung erhält der Politiker vonseiten der Jägerverbände. "Ich gehe zwar davon aus, dass die meisten Förster richtig füttern, aber grundsätzlich hat Herr Aiwanger recht", findet Jürgen Vocke, Präsident des Bayerischen Jagdverbandes. "Wenn ich den Wald schützen will, muss ich artgerecht zufüttern", sagt er. So solle Verbiss durch hungriges Wild verhindert werden. An erster Stelle stehe für ihn jedoch das Wohl der Tiere: "Der Kommerz sollte nicht völlig vor dem Herz rangieren", betont der Präsident des Jagdverbandes.
Ralf Straußberger, Wald- und Jagdreferent beim Bund Naturschutz, hält die Wildfütterung hingegen für "grundsätzlich weitgehend überflüssig". Reh-, Dam- und Rotwild seien eben gerade keine Haustiere, weshalb sich ihre Fütterung prinzipiell verbiete. Und: "Andere Tierarten haben im Winter viel größere Schwierigkeiten", gibt er zu bedenken. Außerdem erhöhe die zusätzliche Fütterung die Reproduktion des Wilds und rege seinen Stoffwechsel an. Anstatt den Wald zu schützen, führe Wildfütterung im Gegenteil "effektiv sogar zu mehr Verbiss", widerspricht Straußberger dem Jagdverband entschieden.
Bei den Bayerischen Staatsforsten gilt generell die Formel "Wald vor Wild". Erklärtes Ziel ist es, mit möglichst wenig Eingriffen das Ökosystem Wald profitabel zu managen. In den Mittenwalder Bergen spielen solche Grundsatzfragen allerdings lediglich eine untergeordnete Rolle. "Wir füttern jedes Jahr gleich", erklärt der verantwortliche Forstbetriebsleiter Rudolf Plochmann. Für das Rotwildrudel sei die Winterfütterung schlicht überlebensnotwendig, da die Tiere nicht mehr in ihr natürliches Winterquartier in den Isarauen im Flachland hinunter könnten.
Das Rehwild hingegen finde sich auch im Winter bestens zurecht, sagt Plochmann. "Die Situation, dass das Rehwild gefüttert werden musste, habe ich noch nie erlebt." Die Herausforderung liege ganz im Gegenteil darin, das Wachstum der Rehpopulation einigermaßen einzudämmen. Obwohl man das Rehwild bejage, "wo es nur geht", blieben die Bestandszahlen auf konstant hohem Niveau.
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