24.03.2011, 16:27 Uhr | dapd
Essen (dapd-nrw). Die Folgen von Stress am Arbeitsplatz werden nach Feststellung von Medizinern immer gravierender. Inzwischen seien rund ein Drittel aller Frühverrentungen Folge von psychosomatischen Erkrankungen. Das sind doppelt so viele Fälle wie noch vor fünf Jahren, wie Experten auf dem Deutschen Kongress für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Donnerstag in Essen warnten.
Psychosomatische Erkrankungen sind körperliche Beschwerden, die psychische Ursachen haben. Dazu werden Essstörungen, Tinnitus und Schmerzen wie etwa Rückenprobleme ohne erkennbare körperliche Ursache gezählt. Sie seien vor allem als Folge des wachsenden Arbeitsdrucks auf dem Vormarsch und mündeten in vielen Fällen in das sogenannte Burnout-Syndrom. "Zur totalen Erschöpfung kommt es, wenn Menschen ihren arbeitsbedingten Ressourcenverbrauch nicht mehr auffüllen können", sagte Kongresspräsident Wolfgang Senf.
Als "Übeltäter" gilt chronischer Stress bedingt durch Zeitdruck, hohes Arbeitsvolumen und gleichzeitiges Arbeiten an mehreren Aufgaben. "Gut sein wird heute gewissermaßen zum Risiko: Wenn sie ihre Arbeit gut machen, bekommen sie einfach noch ein Projekt dazu", sagte Senf, der auch Direktor der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Universitätsklinikum Essen ist.
Gute Mitarbeiter-Führung sowie regelmäßige Pausen und die Möglichkeiten, selbst auf Termine und Arbeitsvolumen Einfluss zu nehmen, könnten den Stress-Teufelskreis durchbrechen, sagte Senf: "In einer besseren Arbeitsgestaltung liegen erhebliche gesundheitsfördernde Potenziale. Zudem bedeuten chronisch erschöpfte Menschen auch einen volkswirtschaftlichen Schaden."
Auf dem Kongress diskutieren bis Samstag rund 1.000 Fachärzte und Wissenschaftler über neue Erkenntnisse zu psychischen und psychosomatischen Erkrankungen sowie über neue Therapien. Sie beschäftigten sich auch mit der Frage, inwieweit Kinder durch frühe Gewalterfahrungen oder sexuellen Missbrauch später unter körperlichen Erkrankungen leiden.
Ein frühes psychisches Trauma könne den Körper im Laufe von Jahrzehnten massiv schädigen, erläuterte der Direktor der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie an der Universität Gießen, Johannes Kruse. Wer als Kind missbraucht oder misshandelt worden sei, sei als Erwachsener anfälliger für chronische Schmerzstörungen, eine koronare Herzkrankheit oder Diabetes.
Grund sei der Lebensstil traumatisierter Menschen, die häufiger zur Zigarette griffen, sich ungesund ernährten und weniger bewegten. Darüber hinaus seien frühe Opfer von Gewalt als Erwachsene auch anfälliger gegen Stress und dessen Auswirkungen auf den Körper.
dapd
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