05.02.2012, 12:35 Uhr | dapd
Aus dem völlig abgedunkelten Tanzsaal im Bremer Universum dringt Tangomusik. Sieben Paare haben sich am Samstagabend zu dem Einführungskursus "First Steps In The Dark" ("Erste Schritte im Dunkeln") eingefunden. Ohne ihren Sehsinn wollen sie unter der professionellen Anleitung der Schweizer Tangolehrerin Alexandra Prusa im Dunkeln erste Schritte auf dem Weg zu dem leidenschaftlichen Tanz aus Argentinien erlernen. "Es ist Vertrauenssache, vierbeinig durchs Dunkle zu gehen", erklärt Prusa zu Beginn.
Die Teilnehmer des 90-minütigen außergewöhnlichen Tanzkurses sind gespannt. "Ich finde es interessant, sich nur gefühlsmäßig anzunähern", sagt Silke Heilmann-Roeder aus Oldenburg, während ihr Tanzpartner Claus Göttlich eine "gewisse Unsicherheit" zugibt. Rita Whalley, die mit ihrem Lebensgefährten Bernd Becker gekommen ist, sieht in dem Abend eine Gelegenheit, herausfinden, "wie gut man harmoniert". Schließlich sollen beim Tango die Männer führen. "Mich interessieren die sensiblere Wahrnehmung und die Erotik", sagt der Bremerhavener Dieter Strobel.
In einer Polonaise angeführt von Sanatha Hannig betreten die Teilnehmer den etwa 160 Quadratmeter großen, stockfinsteren Raum, in dem Prusa schon auf sie wartet. "Wichtig ist, die Füße gut auf den Boden aufzusetzen, sich so gut wie möglich zu erden", lautet der Tipp von Hannig an die Teilnehmer. Die 57-jährige Atem- und Körpertherapeutin ist von Geburt an blind. "Ich bin da, falls jemand Beklemmungen bekommt oder sonst in Not kommt", sagt sie. Für Hannig ist Tango ein "absoluter Blindentanz, weil es einfach ums Fühlen, um Hingabe geht", erklärt das Mitglied des Bremer Blinden- und Sehbehindertenvereins.
In dem Einführungskursus möchte Prusa den Grundschritt des Tangos, die Salida, vermitteln. Doch bevor es losgeht, ermahnt sie die Teilnehmer zu Disziplin. "Jedes Paar hat etwa zwei Meter Platz, alles andere wird sonst ein Chaos", erklärt die 53-Jährige, die sich seit Beginn ihrer künstlerischen Karriere als Schauspielerin und Sängerin mit dem Tango Argentino auseinandersetzt. Außer der Musik und ihren Kommandos sind nur noch die schlurfenden Schritte der Paare zu hören.
Ihren Tango im Dunkeln hat Prusa bereits erfolgreich in Zürich und Frankfurt durchgeführt. Demnächst will sie auch Kurse in Hamburg und Berlin anbieten. Der Bremer an sich hält offenbar lieber die Augen offen. Ein zweiter für Sonntag geplanter Kursus wurde kurzfristig mangels Nachfrage abgesagt. "Im Dunkeln lässt man sich viel mehr auf die Musik und den Partner ein", wirbt die blonde Schweizerin für ihr Projekt. Deshalb würden die Teilnehmer in dieser ersten Tanzstunde viel mehr lernen als im normalen Unterricht in einer Tanzschule.
"Den Grundschritt haben wir jetzt drauf", bestätigen Astrid und Willi Elsen, als sie nach 90 Minuten aus dem Saal ins beleuchtete Foyer treten. "Man konzentriert sich mehr und hört anders in die Musik rein", beschreibt der Bremer Elsen seinen ersten Eindruck. Seine Frau ist unterdessen erst einmal froh, wieder ins Licht zurückgekehrt zu sein. "Dauerdunkel ist nicht meins", gibt sie zu.
Obwohl sie beim Rückwärtsgehen zweimal mit der Wand und einmal mit einem anderen Paar zusammengestoßen sind, haben auch Rita Whalley und Bernd Becker ihre erste Stunde Tango Argentino im Dunkeln ohne größere Blessuren überstanden. "Man muss genau zuhören", sagt Whalley in ihren roten Pumps, "denn man kann nichts bei anderen abgucken". Das Ehepaar Elsen ist sich nach einem abschließenden Glas Rotwein einig: "Wir wollen einen Tangokurs belegen - aber im Hellen."
dapd
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