04.02.2011, 12:57 Uhr | dapd
Lauchringen (dapd-bwb). Er muss das nicht machen. 69 Jahre ist Rolf Haberstock alt, zwei Firmen hat er im Laufe seines Lebens aufgebaut. Eigentlich könnte er längst im Ruhestand sein. Stattdessen verbringt er seine Tage in einer Werkhalle im südbadischen Lauchringen (Landkreis Waldshut) mit vielen Skizzen an der Wand und Animationen auf Computermonitoren. "Das Pedelec ist sozusagen zugelassenes Doping. Man kann mit ihm Geschwindigkeiten erreichen, mit denen man normalerweise Probleme bekäme", sagt Haberstock.
Das Produkt seines Arbeitseifers könnte man auch ganz profan als "Elektrofahrrad" bezeichnen, aber das wäre vermutlich dasselbe, als würde man ein Handy als "Unterwegstelefon" anbieten. Von einem Mofa unterscheiden sich Pedelecs durch den mit Strom betriebenen Motor, der nur arbeitet, wenn auch in die Pedale getreten wird - und durch eine Geschwindigkeitsbegrenzung: Ab Tempo 25 Kilometer muss sich das Aggregat abschalten. Gleichwohl ist es problemlos möglich, mit einem Pedelec schneller zu fahren - wie mit einem normalen Fahrrad eben auch.
Noch schneller als die gewöhnlichen Räder sind S-Pedelecs, die Haberstock mit seiner Firma 3E Mobility entwirft. Das "S" steht für "Speed", und Haberstock gehört zu den ersten, der die Räder für den deutschen Markt entwirft. Bis zu 45 Kilometer pro Stunde können diese Räder mit Motorkraft fahren ? ein Tempo, für das die Behörden in der Vergangenheit die Zulassung verweigerten. Allerdings hat der TÜV Rheinland in Köln im Jahr 2009 seine Politik geändert, wie auch Daniel Hopf vom Verein "ExtraEnergy", der ein unabhängiges Testzentrum für Pedelecs betreibt, bestätigt: "Motorunterstützungen bis 45 Stundenkilometer sind inzwischen möglich", sagt er.
Dabei ist es gar nicht mal die Geschwindigkeit, die Haberstock zufolge Pedelecs in den kommenden Jahren zum Trend-Fortbewegungsmittel machen wird. Es geht vielmehr um ein völlig neues Erleben von Mobilität. Unterschiedliche Menschen könnten so auf ein völlig gleiches Leistungsniveau kommen, sagt Haberstock. Das zahle sich etwa bei Gruppenausflügen aus, wenn das Warten auf Nachzügler entfalle. Zudem werden auch größere Touren möglich, da immer mehr Städte Ladestationen für Akkus einrichteten, Stuttgart etwa oder Freiburg.
In Deutschland werden Pedelecs immer beliebter: Rund 150.000 von ihnen wurden im Jahr 2009 verkauft, erklärt der Zweirad-Industrie-Verband e.V. (ZIV). Das entspricht nach Berechnungen der Organisation bereits vier Prozent aller in Deutschland abgesetzten Fahrräder. Für das Jahr 2010 erwartet der Verband sogar einen Absatz von etwa 200.000. Noch 2005 waren es gerade einmal 25.000 verkaufte Räder.
Fast zwei Jahrzehnte ist es her, dass Haberstock zum ersten Mal mit einem Elektrofahrrad in Berührung kam. Damals wurde ein junger Schweizer in seiner Firma für Blechbearbeitung vorstellig, der Pedelec-Pionier Michael Kutter. Er suchte jemanden, der ihm einen Batteriekasten für sein Rad in Serienproduktion lieferte. Zwar kam das Geschäft nicht zustande, aber die Idee blieb. Haberstock kam darauf zurück, nachdem er sich von seinen Geschäftspartnern ausbezahlen ließ und er seine zweite Firma, mit der er Software für die Autoindustrie produzierte, in der Finanzkrise schließen musste.
Mitte 2010 gründete Haberstock seine dritte Firma. Als Einzelstücke sind Haberstocks S-Pedelecs heute schon zu kaufen, in etwa drei bis vier Monaten will er in die Serienproduktion gehen. Etwa 4.000 Euro soll ein S-Pedelec kosten.
Haberstock ist überzeugt: "Das Pedelec ist das Fahrrad des Jahres 2020." Dann will er mit seinem Unternehmen dabei sein. Rolf Haberstock wird dann fast 80 Jahre alt sein.
dapd
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