28.09.2010, 14:58 Uhr | DDP
Karlsruhe (dapd-bwb). Ein "Republikflüchtling" rennt um sein Leben. Als er durch ein kleines Loch im Sperrzaun schlüpft, rufen DDR-Grenzsoldaten: "Halt oder wir schießen". Der Grenzwächter Jens Stober gibt vier Schüsse ab. Als sich der vierte Schuss aus dem Sturmgewehr AK-47 in den Rücken des flüchtenden Mannes bohrt, fällt dieser tot ins Gras. Zum Glück stammt diese Szene nur aus einem Spiel und der Student Jens Stober ist in Wirklichkeit lediglich virtuell in die Rolle eines Grenzsoldaten geschlüpft. Der 23-Jährige hat zum 20. Jahrestag der Wiedervereinigung ein kostenloses Computerspiel entwickelt - einen "Ego-Shooter" der besonderen Art.
Stober will andere Jugendliche zum Nachdenken über die DDR und den Schießbefehl anregen. Der 23-Jährige kam auf diese Idee, obwohl er selbst keine persönlichen Erfahrungen mit der DDR gemacht hat. Historiker sowie die Bundesstiftung Aufarbeitung halten indes das Thema für zu sensibel, als dass es sich für ein Spiel eignen könnte.
Jens Stober hat, um Jugendliche mit dem Thema vertrauter zu machen, Infotexte in sein Spiel eingebaut. "Auf den ersten Blick sieht es wie ein normaler 3-D-Ego-Shooter aus - in meinem Spiel sind aber auch Mechanismen eingebaut, die das Töten verhindern", erklärt der Entwickler.
Das Spiel mit dem nüchternen Titel "1378 (km)" spielt im Jahr 1976, als es noch die DDR und die etwa 1378 Kilometer lange innerdeutsche Grenze mit Patrouillen und Selbstschussanlagen gab. Die Spieler teilen sich vor Spielbeginn in zwei Teams auf, spielen "Republikflüchtlinge" oder Grenzsoldaten. Die Flüchtenden müssen Sperrzäune, Panzersperranlagen und einen weiteren Stacheldrahtzaun mit Selbstschussanlagen überwinden, um aus der DDR in den Westen zu fliehen. Die Grenzsoldaten sollen die Flüchtlinge stoppen - mit oder ohne Waffengewalt. Wer zu viele Flüchtlinge abschießt, wird zuerst mit einem Orden ausgezeichnet, findet sich dann aber im Jahr 2000 auf der Anklagebank eines Mauerschützenprozesses wieder.
Im Spiel wählt Stober öfter die Rolle eines Grenzsoldaten, da dieser mehr Möglichkeiten als ein Flüchtling hat: Die Soldaten können nicht nur schießen oder die Flüchtlinge lebend verhaften, sondern haben auch die Möglichkeit, selbst zu versuchen, aus der DDR zu fliehen. "Spannend ist, wie die anderen Spieler auf der Seite der Grenzsoldaten darauf reagieren würden", sagt Stober. Folgen sie ihrem Schießbefehl? Stober ist froh, solche Entscheidungen nicht im realen Leben fällen zu müssen. Er stelle sich die Situation als wirklicher Grenzsoldat sehr schwierig vor - einerseits wolle man keinen Menschen töten, andererseits habe man als Soldat den Befehl zum Schießen. Wer den Schießbefehl missachtet habe, sagt der Diplom-Student an der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe, habe damit rechnen müssen, bestraft oder degradiert zu werden. Nach Auffassung der Vereinigung der Opfer des Stalinismus ist jedoch das Schießen auf Menschen in jedem Fall eine Grenzüberschreitung, die mit keinem Befehl gerechtfertigt werden könne. Soldaten würden es sich zu einfach machen, das Töten mit Befehlen zu rechtfertigen, betont die Organisation stets.
Bei der Entwicklung des Spiels sei der zeitaufwendigste Teil die Recherche gewesen, erläutert Stober, der keine familiären oder persönlichen Beziehungen zur ehemaligen DDR hat. Er habe in den vergangenen elf Monaten zahlreiche Bücher gewälzt, Satellitenbilder in den PC übertragen und sei zu Grenzanlagen nach Fulda gefahren. Dort ist ihm aufgefallen, dass sich der Stacheldraht immer zur DDR-Seite und nicht in Richtung des "Klassenfeindes" neigte.
Michael Bielicky, der als Professor of Media Art Jens Stober betreut, lobt seinen Studenten. Das Spiel sei ein Modell für die ganze Gaming Abteilung, die an der Hochschule derzeit aufgebaut werde. Stobers Art, das schwierige Thema anzupacken, bezeichnet Bielicky als raffiniert.
Das Spiel findet jedoch nicht nur Zustimmung. Hans-Hermann Hertle, Leiter der Forschungen zu den Toten an der Berliner Mauer am Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam, findet die Idee des Spiels eher ungeeignet und "geschmacklos". Gedenkstätten und die Internetseite "Chronik der Mauer" seien geeignetere Mittel, aufzuklären. Die Bundesstiftung Aufarbeitung ist laut ihrem Sprecher skeptisch, ob die didaktischen Bemühungen der Herausgeber dieses Spiels wirklich greifen, wenn Kinder und Jugendliche dazu eingeladen werden, "Grenzverletzer" zu erschießen. Die Stiftung begrüße zwar alle Bemühungen, die Geschichte der SED-Diktatur, insbesondere ihres Grenzregimes Jugendlichen zu vermitteln. Ein Spiel, in dem geschossen werde, erscheine allerdings "buchstäblich grenzwertig", erklärte Sprecher Dietrich Wolf Fenner.
dapd
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